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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Musica Popular Brasileira
Schuld war nur der Bossa Nova

 

Die Musica Popular Brasileira (MPB)

Nicht nur im Fußball sind die Brasilianer ganz weit vorne. Mit Musikern wie Caetano Veloso, Gilberto Gil oder Jorge Ben haben die Südamerikaner seit den späten 60er Jahren der Popmusik immer wieder neue Akzente gegeben.

Das Girl From Ipanema ist sicherlich die bekannteste Brasilianerin aller Zeiten. Allein schon mit dieser Komposition hat sich Antonio Carlos Jobim seinen Platz im Pop-Pantheon erobert und ein für allemal sein Heimatland auf die musikalische Landkarte gesetzt.

Mitte der 50er Jahre war das, als nordamerikanische Cool Jazzer und brasilianische Musiker wie Jobim, Joao und Astrud Gilberto oder Baden Powell die Bossa Nova auf den Weg brachten. Seitdem gehört der delikate Rhythmus der Bossa zum Repertoire eines jeden Jazz-Musikers und auch DJs. In Brasilien selbst aber war die Bossa Nova nur der Anfang einer Entwicklung, die das Land in den letzten 40 Jahren zu einem schier unerschöpflichen musikalischen Kreativpool werden ließ.

Goldene Generation

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre bereits machte eine neue Generation von Sängern, Komponisten und Gitarristen von sich reden, die sich von der damals gerade zum Klischee werdenden Bossa absetzen wollten. Caetano Veloso, Gilberto Gil, Gal Costa oder Jorge Ben (der mit "Taj Mahal" übrigens die Vorlage für Rod Stewarts größten Hit "Do Ya Think I'm Sexy" lieferte) brachten südamerikanische Rhythmen mit den experimentelleren Seiten des Rock zusammen, Tropicalia war geboren. Anders aber etwa als Sergio Mendes, der heute als Klassiker des Easy Listening verehrt wird, widmeten sich die Musiker der Tropicalia Bewegung der harten sozialen Realität ihrer Heimat (die seit 1964 unter der Herrschaft einer Militär-Diktatur stand) und wurden schnell zu modernen Volkshelden.

In dieser Zeit, die weltweit vom Aufbegehren der Jugend bestimmt war, wurde in Brasilien das Realität, wovon linke Intellektuelle in den USA oder Deutschland nur träumen konnten. Es entstand eine junge Gegenkultur, deren Vorreiter auf künstlerisch höchstem Niveau agierten und deren Lieder doch jedes Kind auf der Straße pfiff.

Schmelztiegel der Stile

Vor diesem Hintergrund ist auch der Begriff der Musica Popular Brasileira zu verstehen, der Anfang der 70er Jahre zunächst auf Tropicalia angewendet wurde und sich im Laufe der Zeit dann immer mehr ausweitete auf fast die gesamte zeitgenössische brasilianische Musik. Denn während in den 70ern Bands wie Os Mutantes oder der eigenwillige Tom Ze, eine Art Captain Beefheart Brasiliens, noch an einer ganz eigenen Version von amerikanischer Psychedelik arbeiteten, wurde die MPB in den 80ern zum Schmelztiegel diverser Stile. Funk, Disco und Synthie-Pop auf der einen Seite, die Rückbesinnung auf afrikanische und karibische Wurzeln auf der anderen Seite ließen die brasilianische Musik zu einem vielgestalten Kosmos anwachsen, der schon bald auch das Interesse westlicher Künstler weckte.

Paul Simon, David Byrne und der in Brasilien aufgwachsene Arto Lindsay stehen für die Ende der 80er aufkommende Begeisterung unter amerikanischen Künstlern für ihre südamerikanischen Kollegen. Insbesondere Arto Lindsay machte sich einen Namen als Produzent von jüngeren MPB Stars wie Marisa Monte oder Vinicius Cantuaria, und auch seine eigenen Alben der letzten acht Jahre haben dazu beigetragen, eine größere Aufmerksamkeit auf die aktuelle brasilianische Musikproduktion zu richten. Und deren Vielseitigkeit und elegante Leichtigkeit kann sich ohne weiteres mit der ihrer Fußball spielenden Landsleute vergleichen lassen.

Weitere Meister dieser Strömung sind:

Carlinhos Brown, Arnaldo Antunes, Titas, Timbalada, Olodum, Nana Vasconceles, Milton Nascimento

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Os Mutantes: "Technicolor" (1970)
Gilberto Gil: "Expresso 2222" (1972)
Gal Costa: "India" (1973)
Caetano Veloso: "Estrangeiro" (1989)
Diverse: "Brazil Classics 4: Tom Ze" (1990)
Gilberto Gil/ Caetano Veloso: "Caetano e Gil - Tropicalia 2" (1993)
Marisa Monte: "Rose And Charcoal" (1994)
Arto Lindsay: "Noon Chill" (1997)
Vinicius Cantuaria: "Tucuma" (1999)
Caetano Veloso: "Omaggio a Federico e Guilietta" (1999)
Jorge Ben: "Brazilian Hits And Funky Classics" (2001)