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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Fado
Transatlantische Melancholie

 

Der Blues Portugals: Fado

Fado zählt zu den Symbolen Portugals, wenn es auch nicht angebracht wäre, den Gesang zu Gitarre als nationale Folklore zu werten. Dafür variieren die regionalen Bräuche im Land zu stark. Mit seinen Protagonisten von Maria Severa über Fernando Machado Soares und Amália Rodrigues (im Bild) bis hin zu Madredeus ist diese alte Musik inzwischen aber in der ganzen Welt bekannt.

Eines ist unabdingbar, möchte man den Fado selbst singen: "Saudade". Es ist ein Gefühl, das mit Sehnsucht nur unzureichend übersetzt wird. Ein sehr spezielles Gefühl, das auch Fernweh mit beinhaltet. Ähnlich wie beim Blues, wo der Ausdruck "Ich habe den Blues" einen ganz bestimmten Zustand beschreibt, ist das Empfinden von "Saudade" der Ausgangspunkt, der Grundzustand und auch das Erwünschte des Fado. Insofern könnte man salopp fromulieren, der Fado sei die Vertonung eines Gefühls, des Gefühls der Saudade. Und auch die beiden Begriffe sind verwandt in ihren Inhalten. Kommt "Fado" doch vom lateinischen "Fatum", was soviel wie Schicksal bedeutet. Diese Ergebenheit in das Schicksal schwingt auch in Saudade immer mit. Gespielt wird diese Schicksalsmusik bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, und die traditionelle Spielweise hat sich heute bei den meisten "Fadistas" erhalten.

Von den Meeren her

Der Fado wird gesungen von einer männlichen oder weiblichen Stimme, die von einer Gitarre begleitet wird. Meist ist es die portugiesische Gitarre mit zwölf Saiten und dickem Bauch, üblich ist auch die Akustikgitarre mit sechs Saiten. Die Spielweise der portugiesischen Gitarre jedoch ähnelt der einer Zither, auch die Klangfarben sind der Zither mit ihren metallenen Obertönen nicht unähnlich.

Musikhistoriker streiten sich bis heute über die Entwicklungslinien, die letztendlich zum Fado geführt haben. Konsens ist, dass sich der Fado wohl kaum entwickelt hätte, wäre Portugal nicht ein Land der Seefahrt. Wo Saudade sich hinsehnt, von dort mag der Fado gekommen sein; das ist zwar eher eine Metapher als ein Fakt, aber in dieser Ungenauigkeit könnte die These vielleicht gerade die Eigenheiten des Fado einfangen.

Zentren Lissabon und Coimbra

Es begann jedenfalls alles in den Armenvierteln von Lissabon und Porto, und Fofa und Lundum, zwei von Einwanderern aus Brasilien mitgebrachten Tänzen, gingen in den Fado ein. Ebenso erhielten sich im Fado Traditionen der portugiesichen volkstümlichen Dichtung. Maria Severa hieß die große Künstlerin der noch jungen Musik. Der Star starb 1871, doch der Fado ist auch nach Severas Tod bedeutend geblieben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Fado in Lissabon und Porto längst als die Musik der Arbeiterklasse etabliert, und sie brachte ständig neue Größen hervor wie etwa Fernando Machado Soares oder Amália Rodrigues, den Fado-Star des 20. Jahrhunderts überhaupt. Ihre Themen waren die, worüber im Fado von Anfang an gesungen wurde: die Liebe, der Alltag und das Leid.

Allerdings entstand in der Universitätsstadt Coimbra in den 20er Jahren eine neue Variante des Fado: vorangetrieben von den Gitarristen Carlos und dessen Vater Artur Paredes und dem Liedtexter und Sänger Edmundo Bettencourt entstand dort eine poetische Form der Musik, die bis heute als Fado do Coimbra präsent ist.

Wenn heute aber immer neue Namen wie Misia oder Madredeus den Sprung aus den lokalen Kneipen an die Spitze der portugiesichen Hitparade schaffen und weltweit Konzerte geben, dann schaffen sie das doch meist mit den Alltagsthemen des Fado do Lisboa. Eines wird der ganze Erfolg sowieso nie vertreiben können: die Saudade.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Maria Da Fé, Patricia Rodrigues, Carla Pires, Gonçalo Salguero, Mariza, Tristao Da Silva, Ze Freire

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Madredeus: O Espírito Da Paz [1994]
Fernando Machado Soares: Portugal. Le Fado De Coimbra [2001]
V.A.: Lisbon Fado ('28 ? '36) Vol. 1 [2001]
Jorge Fernando: Velho Fado [2003]
Katia Guerreiro: Fado Maior [2003]
V.A.: Fado Português [2005]
Amália Rodrigues: The Essential Collection [2005]
Misia: Drama Box [2005]