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Marsch
Überleben in Spielmannszügen

 

Militärmusik im Viervierteltakt: Der Marsch

Der Marsch hat seinen Ursprung im Militär und wird in den Armeen bis heute kultiviert. Seine typische Rhythmik im 2/4-, 4/4-, 2/2- oder 6/8-Takt betont eben den Gleichschritt einer Anhäufung von Menschen. Doch auch, wo Hierarchie und Disziplin verhöhnt werden, kommt der Marsch aus eben jenen Gründen zum Einsatz: in Karneval und Mardi Gras.

Der Marsch hat eine jahrhunderte-, ja jahrtausendealte Geschichte hinter sich. Denn er ist entstanden aus den Trommelschlägen und Fanfarensätzen der Soldaten des Altertums. Im Laufe des 18. Jahrhunderts schält sich allmählich seine moderne Form heraus: zu den taktangebenden Snaredrums und Pauken gesellen sich Bläser, und die Besetzung der Militärorchester etabliert sich. Je nach Land und Zeit ändert sie sich in Details. Zu ihr gehören allerdings immer Bläser aus dem Hochregister, z.B. Piccolo-und Querflöte, Hochblas- und Tenorregister wie z.B. Posaunen und Tenorhörner, Tiefbass-Bläser wie die Tuba und dazu Schlag- und Rhythmusinstrumente wie Schlagzeug, große Trommel und Glockenspiel.

Sehr populär wird der Marsch im 19. Jahrhundert, in dem unter anderem Johan Strauß seinen Radetzky-Marsch komponiert und Ludwig van Beethoven den Yorckschen Marsch. Überhaupt schlägt sich das Konzept der Nation, zu deren Ruhm musiziert wird, in den Werken der klassischen Musik nieder. Im 19. Jahrhundert komponieren auch Schubert, Wagner und Chopin Märsche, so wie fast alle ihrer berühmten und weniger berühmten Kollegen.

Bedeutung nimmt ab

In eben jener Zeit, besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entsteht aber auch ein ziviler Brauch, in dem der Marsch eine tragende Rolle spielt: die Spielmannszüge kommen auf. Neue bürgerliche Vereine wie Turn- und besonders Schützenvereine übernehmen die Musik des Gleichschritts, wenn sie zu Volksfesten wie dem Schützenfest oder zu Sportwettbewerben aufmarschieren. Im Fall der Schützenvereine ist die militärische Vorgeschichte besonders deutlich erkennbar, gehen sie aus den an Bedeutung verlierenden Bürgerwehren hervor.

Bis heute spielen diese Institutionen von Brauchtum und Tradition ihre Märsche, die in den Blasinstrumenten von den hohen und mittleren Registern dominiert werden. Gleiches gilt für die Musik der Karnevalsvereine, die ebenfalls vom aufstrebenden Bürgertum des 19. Jahrhundert ins Leben gerufen werden. Ist bis heute also in den deutschsprachigen Regionen der "zivile" Marsch die Musik des konservativen bis rechtsextremen (Klein-)Bürgertums, so trägt er in den USA entscheidend zur Anerkennung einer Minderheit bei.

Denn der Jazz ensteht in New Orleans aus den Sounds der Marching Bands : die Musik mittelloser und benachteiligter Afroamerikaner, die nach dem Ende der US-amerikanischen Bürgerkriege 1865 günstig an Militärinstrumente geraten. Neben Märschen spielen die Marching Bands zu allen Festlichkeiten auch Quadrillen und Ragtimes, und ihre Besetzung wird eher von den mittleren und tiefen Lagen der Bläser dominiert, dazu schlagen eine große und eine kleine Trommel. Das Tuba-ähnliche Sousaphon ist benannt nach dem bedeutenden US-amerikanischen Komponisten John Philip Sousa.

In den Medien verliert der Marsch zunehmend an Bedeutung; das mag auch in der zunehmend militärkritischen Haltung westeuropäischer Gesellschaften im Zuge des reformatorischen Projekts der "'68er" begründet liegen. Die Programme der Volksmusik in Radio und TV sind heute weitaus stärker von volkstümlichem Schlager und volkstümlichem Rock geprägt. Sie haben die Marschmusik an den Rand der Formate gedrängt. Von Zeit zu Zeit allerdings werden Millieustudien produziert wie der englische Kinofilm Brassed Off, in dem Marschmusik als sozialer Kitt einer Zeche dargestellt wird. Doch auch diese Zeiten sind fast schon vorbei.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Musikkorps Schutzpolizei Berlin, Rudolf Urbaneck Blasorchester, Das Musikkorps der Bundeswehr, Die Egerländer Musikanten, Carl Teike, Fanfares

Schlüsselalben dieses Genres sind:

V.A.: Jahrhunderthits der Marschmusik 1 [1995]
V.A.: Brassed Off (OST) [1997]
Schwäbisch-Alemannische Narrenmärsche: Narri-Narro [1998]
Musikkorps des Grenzschutzpräsidiums Ost: H.L. Blankenburg, unser ?Marschkönig? [2002]
Dirty Dozen Brass Band: Funeral For A Friend [2004]
V.A.: 150 Jahre John Philip Sousa [2005]
Original Hoch- und Deutschmeister: Marschkönige [2005]
V.A.: Bayerische Marschmusik [2006]