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Eurovision Song Contest
Die allererste Casting-Show

 

Eine Geschichte des Eurovision Song Contest

Der Eurovision Song Contest wurde 1956 als Sangeswettstreit europäischer TV-Sender ins Leben gerufen. Ganz wie in den Castingshows gilt für die nunmehr über 35-Jährige Geschichte: Wer gewinnt, wird groß. Sei es nur für den Moment, in dem der Siegertitel verkündet und mit Tränenaugen nochmal gesungen wird. Oder sei es für Karrieren wie die von Udo Jürgens, Nicole oder Abba.

Um die ursprüngliche Bedeutung eines europäischen Songwettbewerbs zu verstehen, sollte man sich kurz in das Jahr 1956 zurück versetzen. In der Bundesrepublik läuft das Wirtschaftswunder erst langsam an. Das Ende des 2. Weltkriegs liegt kaum mehr als zehn Jahre zurück. Und nun hat der Franzose Marcel Basion, der bereits das Schlagerfestival von San Remo organisiert, eine Idee: Man könnte ja einen länderübergreifenden Liederwettbewerb ins Leben rufen. Damit erhielte nicht nur die noch junge European Broadcasting Union mehr Bedeutung, eine Vereinigung staatlicher TV-Sender, die unter dem Namen "Eurovision" gemeinsame Programme produzieren. Überhaupt könnte das ja ein wenig zum Frieden innerhalb Europas beitragen.

Also findet 1956 im schweizerischen Lugano der erste Eurovision Song Contest statt - französisch "Grand Prix de la Chanson". Grundsätzlich hat sich das Verfahren bis heute wenig geändert. Ein Land schickt je ein Lied. Nur im ersten Jahr sind es noch jeweils zwei. Und jedes Land wird von einer Jury vertreten, die alle Titel bis auf den des eigenen landes mit Punktzahlen bewertet. Mit dem Lied Refrain der Schweizerin Lys Assia gewinnt der Beitrag des Gastgeberlandes den ersten Grand Prix.

Die Anzahl der teilnahmewilligen Länder vergrößert sich mit dem Wachstum der European Broadcasting Union. Mittlerweile gehören etwa auch nicht-europäische Staaten wie Israel und Russland zur EBU. Die Teilnehmerzahl bleibt jedoch auf 24 Länder beschränkt, damit die Show überschaubar bleibt. So werden wie in einer Fussball-Liga die am schlechtesten abschneidenden Titel in jedem Jahr ausgetauscht mit Ländern, die soeben für ein Jahr pausieren mussten. Nur die "Großen Vier" der EBU, also Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien, sind in jedem Jahr automatisch qualifiziert. Die Bedeutung dieser Vier ergibt sich aus der Menge an Programmen, die ihre Sender in die EBU einspeisen.

Der Eurovision Song Contest verliert im Laufe der Zeit zwar an der politischen Bedeutung und wird zu einer internationalen Show unter vielen. Dennoch aber bieten die nationalen Vorausscheide wie auch das internationale Finale bis heute die Gelegenheit, Stars zu machen. Der Ire Johnny Logan zum Beispiel: Ohne den Grand Prix wäre er gänzlich unbekannt geblieben, denn seine großen Momente hatte Logan stets nur im Rahmen des Wettbewerbs. In Den Haag gewinnt er 1980 erstmals den Grand Prix mit dem Melodrama What's Another Year. Sieben Jahre später wiederholt Logan den Erfolg mit dem Liebeslied Hold Me Now.

Und auch das ist noch nicht alles: 1992 beginnt die Rekordserie Irlands, in dessen Verlauf das Land dreimal hintereinander den Wettbewerb gewinnt. Sie beginnt mit dem Titel Why Me. Interpretiert wird er von der Sängerin Linda Martin, doch der Komponist des Titels heißt Johnny Logan und der Texter ebenso. Der irische Grand Prix-Rekord wird vollständig durch die Sieger In Your Eyes von Niamh Kavanagh 1993 und Rock'n'Roll Kids von Paul Harrington und Charlie McGettigan ein Jahr später.

Auch eine ganz große Karriere geht vom Grand Prix aus. Abba heißt die vierköpfige Gruppe, von Schweden 1974 ins Rennen geschickt. Ihr Waterloo ist ein clever komponiertes Stück Schlager-Rock'n'Roll und gewinnt prompt den Wettbewerb. Mit Hits wie Dancing Queen und Mamma Mia werden Abba zu einer der Popgruppen der 70er überhaupt. Bis heute ehrt man sie in Tribute Shows und selbst Musicals.

Den Ruf des Grand Prix als einer Casting Show für länderübergreidende Starkarrieren bestätigen auch einige Deutsch sprechende Namen. Der noch junge Udo Jürgens macht 1966 von sich reden, als er in Luxemburg mit Merci, Chérie für Österreich gewinnt. Nach unzähligen Anläufen schafft es 1982 schließlich auch die Bundesrepublik Deutschland: Ralph Siegel, der Unermüdliche in Sachen Grand Prix, schickt das Mädchen Nicole ins Rennen. In Zeiten nuklearer Aufrüstung trifft sie den Ton mit dem schlichten Wunsch nach Ein bisschen Frieden. Als einer der kommerziell erfolgreichsten Grand Prix-Titel überhaupt verkauft sich das Lied hinterher über vier Millionen mal weltweit.

Weiter haben den Grand Prix gewonnen:

France Gall (Luxemburg 1965), Vicky Leandros (Luxemburg 1972), Celine Dion (Schweiz 1988), Milk and Honey (Israel 1979), Bucks Fizz (Großbritannien 1981), Toto Cutugno (Italien 1992), Dana International (Israel 1998), Marie N (Lettland 2002)

Einige Schlüsselalben des Grand Prix sind:

Udo Jürgens: Zeig' mir den Platz an der Sonne [1971]
Abba: Waterloo [1974]
Nicole: Flieg' Nicht So Hoch, Mein Kleiner Freund [1981]
Johnny Logan: The Best Of... [1996]
Verschiedene: Alle Sieger Des Deutschen Grand Prix 1956 - 2000 [2001]
Sandie Shaw: Puppet On A String [2001]
Verschiedene: Das Beste vom Grand Prix [2001]
France Gall: Lounge Legends - France Gall [2002]
Verschiedene: Eurovision Song Contest Riga [2003]