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GENRES

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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Deutscher Schlager
Rote Sonnen, süße Weine

 

Eine Freundschaft für Jahrzehnte: Schlager und Urlaub

Seit jeher ist der Schlager die Musik der Sehnsucht. Deshalb kann es auch nicht überraschen, dass eine Institution der vorübergehenden Erfüllung von Sehnsüchten immer wieder zum Thema des Schlagers wird: der Urlaub. Mit dem Shanty handelt ja schon einer der Schlager-Vorläufer von der Spannung zwischen Ferne und zuhause; seit den 50er Jahren singen dann etwa Caterina Valente, Udo Jürgens oder die Flippers von Sonnenuntergängen und exotischen Rauscherlebnissen.

In allen Jahrzehnten, in DDR und BRD, in den Interpretationen von Frauen und Männern findet der Schlager sein Königsthema in der Liebe. Lieder über das Zusammensein in Ewigkeit, über den kleinen Flirt zwischendurch ebenso wie die Trennung dominieren den Schlager derart, dass nie jemand auf die Idee kommen würde, im "Liebes-Schlager" eine besondere Spielart des Genres zu erblicken. Erst bei dem wohl zweitwichtigsten Anliegen des Genres lohnt sich eine besondere Betrachtung: Bis heute widmen sich fast alle Schlager-Stars dem Urlaub.

Bei näherem Hinsehen bietet sich eine entscheidende Verbindung zwischen der geregelten Auszeit aus dem Alltag und dem großen Gefühl der Zweisamkeit. Es ist die Sehnsucht. Schon im Shanty, einem der Schlager-Vorläufer, ist die Sehnsucht nach der Ferne ein beliebtes Motiv - wenn etwa ein Hans Albers in Einmal noch nach Bombay die Zerrissenheit des Matrosen zwischen geliebtem Zuhause und geliebter Ferne besingt oder auch Freddy Quinn in Junge, komm' bald wieder die Sehnsucht der Angehörigen nach dem Seemann. Mit dem Chanson wird noch ein weiteres Genre, das insbesondere ab den mittleren 60er Jahren in den deutschen Schlager einfließt, von der Sehnsucht angetrieben. Bei Juliette Gréco und ihrem Chanson La Mer etwa handelt es sich um eine Sehnsucht nach dem intensiven Leben.

Ein Leben ohne Alltag

Urlaub nun bedeutet die Erfüllung der Sehnsucht nach einem guten Leben ohne Alltag. Die amourösen Geschichten, die er mit sich bringt, steigern indes noch einmal die Vereinbarkeit von Urlaub und Schlager. So schwärmen etwa in der jüngeren Vergangenheit Fernando Express vom Vino in Portofino, während sie andernorts davon träumen, Barfuss bis ans Ende der Welt zu gehen. Patrick Lindner besingt die Playa del Sol und wünscht sich den Sirtaki noch einmal, und die Klostertaler widmen dem Urlaub gleich ein ganzes Album. Und die Erkennungsmelodie der Flippers stammt aus dem Jahr 1986 und ist mit einer Goldenen Schallplatte geehrt worden: Die rote Sonne von Barbados leuchtet als Symbol für Ferne und Liebe.

Das Doppeljahrzehnt der Sehnsucht

Doch auch die etwas fernere Schlagergeschichte ist gespickt mit Urlaubshits; und das ist kaum verwunderlich, bilden die Sechziger und Siebziger Jahre doch eine Art "Doppeljahrzehnt der Sehnsucht", während mit dem Wirtschaftswunder der Fünfziger Jahre der Urlaub als temporäre Wunscherfüllung auch breiterer Massen überhaupt erst beginnt. Hier beginnt die Reise in die Ferne, hier beginnt die Italien-Romantik mit allen verklärenden Bildern der Capri-Fischer, mit der Bambina einer Caterina Valente und natürlich der Ami-amore von DDR-Star Günter Hapke.

Vielleicht blieben aber doch die Sechziger und Siebziger Jahre die große Zeit des Urlaubsschlagers, und vielleicht bleiben sie es gerade deshalb, weil die groben zehn Jahre zwischen den beiden Mitten der Jahrzehnte auch gesamtgesellschaftlich von Aufbruch und Sehnsucht geprägt sind. DDR und BRD geht es wirtschaftlich gut; an den Kalten Krieg hat man sich irgendwie gewöhnt, und die Schlagerstars üben sich im Genuss exotischer Rauschmittel wie etwa Udo Jürgens mit Griechischer Wein oder versuchen sexuell Neues. So scheut sich Peter Maffay 1976 nicht, Zeilen wie "Ich war sechzehn, und sie einunddreißig" öffentlich zu singen - und sein Es war Sommer wird zum Hit. Weil es der Dreieinigkeit von Sehnsucht, Liebe, Urlaub folgt.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Friedel Hensch, Lys Assia, Rocco Granata, Cindy & Bert, René Carol, Mina, Adamo

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Peter Maffay: Und es war Sommer [1976]
Hans Albers: Der blonde Hans [1989]
Die Flippers: Die rote Sonne von Barbados [1993]
Caterina Valente: Bonjour Catherine [2000]
Nana Mouskouri: Erinnerungen [2001]
Klostertaler: Ab in den Urlaub [2002]
Udo Jürgens: Nur das Beste Vol. 2 - Die 70er [2004]
Fernando Express: Urlaub für die Seele [2005]