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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Weird Folk
Von ausgeprägtem Charakter

 

Die Renaissance des Folk unter den Vorzeichen des Seltsamen

Mitte, Ende der 1990er Jahre erlebt der Folk-Song eine Renaissance und ersteht aus der Klanglandschaft des Techno wieder. Er klingt jetzt ziemlich verfremdet, verdüstert, verziert, verschleiert: Devendra Banhart, die Moldy Peaches oder CocoRosie spielen wirklich seltsame Musik. Sie spielen eher folky als Folk, wie man ihn kannte.

Wie immer ist der Übergang fließend, zunächst wird er kaum dokumentiert von den Medien. Sondern spielt sich ab im Verborgenen, in den kleinen Clubs, den selbst organisierten, vor allem der USA. Irgendwann im Verlauf der 1990er Jahre aber taucht etwas auf aus der stimmfreien, instrumentalen Epoche der elektronischen Musik. Es ist die Stimme. Sie spricht nicht, wie im Rap. Es wird wieder gesungen, wie im Folk. Doch etwas hat sich verändert.

Deshalb ist der Begriff "Weird Folk", also ungefähr "Seltsamer Folk", zwar noch derjenige, der Klarheit ins Geschehen zu bringen vermag. Streng genommen müsste aber eher von einer "Weird Folkyness" zu reden sein. Seien es die Anti-Folksters von den The Moldy Peaches, sei es der Americana-Verdreher Will Oldham mit seinen zahlreichen Pseudonymen oder das heidnische Animal Collective – in all diesen Songs, die sie nach der Wiederkehr der Singstimme spielen, schimmert "Folk" eher als Prinzip durch denn als reiner Stil.

Gemeinsam ist all den Neo-Folksters, dass sich der Bezug zum Musikmachen im Verlauf der 1980er Jahre und der 1990er Jahre verändert hat. Es gibt andere Selbstverständlichkeiten, und das Hauptinstrument dieser allumfassenden Größenverschiebung im Pop, das ist der Computer. Als Folk, diese Musik von menschengespielter Gitarre und Menschenstimme, in den 1960er Jahren mit der Protestkultur aufkam, da war der Computer noch eine Maschine der avanciertesten Hochtechnologie. Nur in riesigen Hallen fand er Platz, kam nur bei Sonderaufgaben des Militärs und der Raumfahrt zur Anwendung.

Als sich in New York eine neue Folk-Szene entwickelt, die sich eh bloß "Anti-Folk" nennt, um ein bisschen auf sich aufmerksam zu machen: Da steht in jedem Zuhause der westliche Welt ja mindestens so eine Maschine, und mit Techno und House ist soeben jene Musik zum Paradigma geworden, die nur mit dem Computer produziert werden kann. Der Kontrast zum sauberen Maschinenklang muss also her. Und nicht nur CocoRosie und die The Moldy Peaches, jene Band des späteren Solo-Stars Adam Green und seiner Kollegin Kimya Dawson, finden diesen Kontrast in der ausgeprägten Charakterisierung, ja Stilisierung ihrer Stimmen.

Es gibt jedoch keine kohärente Geschichte zu erzählen. Vielleicht wird ein Zitat des Singer/Songwriters Devendra Banhart dem Auftreten der Weirdos gerecht: "Wir sind wie die Ameisen, die ihre wunderbaren Städte errichten. Diese Tiere sind permanent unterwegs, auf der Suche nach Nahrung, erschaffen aber ganz nebenbei diese faszinierenden Kunstwerke. Wir machen es genau so: Wie ziehen durch die Städte, um uns nach einer Weile wieder in unseren Bau zu verkriechen." So erzählte es Banhart, der Bärtige 2005 dem TV-Sender Arte und dokumentierte damit die Suche nach dem ganz persönlichen Ding, das sich nicht nur in einer Musik jenseits der Konventionen niederschlägt, sondern in einem ganzen Leben.

So wie die Ameisen machen es demnach auch Anthony Heggarty mit der schwebenden Gesangslyrik als Antony And The Johnsons, Joanna Newsom und Laura Viers, die Fleet Foxes mit ihrem sakralen Folk-Rock. Techno ist oft mit Architektur verglichen worden und Electronica gerne mit Landschaftsmalerei. Mit dem neuen Folk sind auch wieder Gesichter da, manchmal haben sie krumme Nasen, schiefe Ohren oder dünne Haare oben drauf. Gerade das macht sie aus.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Junip, Locas In Love, The Bobby McGees, Jack Lewis & The Cutoffs, Laura Veirs, Xiu Xiu, William Fitzsimmons

Schlüsselalben dieses Genres sind:

The Moldy Peaches: The Moldy Peaches [2001]
Devendra Banhart: Oh Me Oh My The Way The Day Goes By [2002]
CocoRosie: La Maison De Mon Rêve [2004]
Anthony And The Johnsons: I Am A Bird Now [2005]
Joanna Newsom: Ys [2006]
Herman Dune: Giant [2007]
Bonnie "Prince" Billie: Lie Down In The Light [2010]
Fleet Foxes: Helplessness Blues [2011]

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Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um alle Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Über den Folk hinaus (Singer/Songwriter), Verstärkung für den Song (Folk Rock) oder Wie Indie in die Matrix ging (Indietronica).