Start | Genres  | Rock | TexMex

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

TexMex
Eine kleine Grenzmusik

 

Texas und Mexiko, Son und Song: TexMex

Texas und Mexiko, "Tex" und "Mex". Musikalisch steckt von beiden Seiten viel drin im TexMex. In "La Bamba" etwa, dem Hit von Ritchie Valens. Die populären Beispiele der TexMex-Musik zeigen: Es ist ein Sound des Dazwischen.

Dennoch entsteht die Musik anderswo: In Los Angeles und damit dem Fusionsreaktor der ethnischen Gruppen an der US-Westküste. Im 19. Jahrhundert verleiben sich die USA sowohl Texas als auch Kalifornien ein. Spanischsprachige Emigranten aus den beiden Staaten wandern in die "Stadt der Engel". Dort hegen und pflegen sie ihre traditionellen Bräuche. Zum Musikerbe gehören Bolero, Fandango, Son und Cumbia. Gespielt werden diese von Marimba- und Mariachi-Orchestern.

Neben einem leicht wiedererkennbaren Formenschatz gehören auch typische Instrumente zu dieser Tradition: das Akkordeon ebenso wie die Trompeten der Mariachi. Doch ergibt noch jede Tradition im Zusammenspiel mit den Bräuchen im neuen Zuhause auch ganz neue Klänge. So auch im Barrio, jenem Stadtteil von L.A., in dem die "Chicanos" siedeln, wie sie sich selbst nennen. "Barrio" oder "Chicano" gehören daher ebenfalls zu jenen Begriffen, die ähnlich wie TexMex eine Synthese aus mexikanischen und US-amerikanischen Stilen bezeichnen.

Mexikanisch-amerikanischer Aktivismus

Durch die gesteigerte Medialisierung der Musik in den 50er und 60er Jahren kommen auch die "Chicanos" zu Wort. Einer, dem wirklich alle zuhören, ist Ritchie Valens: Singt er doch 1958 mit La Bamba einen Welthit, der seit diesem Jahr immer wieder gecovert wird. Auch Chris Montez wird 1962 bekannt dank Let's Dance, ebenso wie drei Jahre vor ihm Chan Romero mit dem Hippy Hippy Shake.

Wie jene drei zählen auch die Texas Tornados und das Sir Douglas Quintet zu der Generation, die ein Mischmasch aus Rock'n'Roll und mexikanischer Folklore in die Popkultur einspeist. Weniger bekannt, musikalisch aber mindestens den Stars ebenbürtig ist der Akkordeonspieler Esteban "Steve" Jordan. Nicht wenige Akkordeonisten bezeichnen ihn als besten Spieler seiner Zunft. Aufgrund seiner ungestümen Energie kürt man ihn gar zum "Jimi Hendrix des Akkordeon". Inzwischen interpretiert er ein breites Spektrum musikalischer Formen, in den 70er Jahren ist er bekannt geworden als leidenschaftlicher Exponent des "Chicano Jazz". Die Grenze selbst ist immer wieder Thema dieser Musik: sei es in den Songs der ursprünglich aus Mexiko eingewanderten, spanischsprachigen Minderheit in den USA.

HippHop-Beats und Reggae-Bässe

Oder sei es in den Liedern von Americana-Bands wie Calexico aus Tucson, Arizona. Gitarrist und Bassist Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino spielten in den 80er und 90er Jahren erst Wüstenmusik mit Giant Sand, um sich schließlich als Friends of Dean Martinez mit Post Rock selbständig zu machen. Eigentlich als Nebenprojekt erdacht, sollte Calexico, das sich schon im Bandnamen programmatisch mit California und Mexico auseinandersetzt, zum bis dato erfolgreichsten Unternehmen der beiden entwickeln. Vor allem in Deutschland, wo sie spätestens seit Hot Rail im Jahr 2001 mittelgroße Konzerthallen füllen und ab und an sogar im Mainstream-Radio laufen. Wenn sie ein Album Feast Of Wire betiteln, also "Stacheldrahtfest", dann ist das ihr Kommentar zu einer Grenzlinie, die symbolisch die Ersten von der Zweiten und Dritten Welt trennt.

Seit den 90er Jahren wird diese politische Problematik auch von den Bands des Chicano Groove thematisiert, in denen die Trompetensätze der Mariachi ebenso anklingen sind wie HipHop-Beats und Reggae-Bässe. Was zu Beginn der 90er Jahre mit Kid Frost begann und von Cypress Hill fortgeführt wurde, hat sich längst zum eigenen Stil entwickelt: Gruppen wie Ozomatli, Aztlan Underground oder die Sängerin Lyza Flores sehen in der Verquickung zeitgenössischer Sounds mit folkloristischen Tönen ein Medium mexikanisch-amerikanischen Aktivismus. Da sich die Gegensätze sowohl innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft als auch zwischen ihr und ihrem Außen eher verschärfen als abmildern, wird ihr Groove mit Sicherheit noch eine ganze Weile präsent bleiben.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Los Lobos, Flaco Jimenez, Lydia Mendoza, The Del Fuegos, Johnny Rodriguez, Los Pinkys, Selena Quintanilla Perez

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Ritchie Valens: Ritchie Valens [1958]
Sir Douglas Quintet: Honkey Blues [1968]
Esteban "Steve" Jordan: Corrido De Johnny El Pachuco [1971]
Willy Deville: Loup Garou [1995]
V.A.: Conjunto! Texas Mexican Border Music [1995]
Santiago Jimenez, Jr.: El Gato Negro [1995]
Los Super Seven: Canto [2001]
Calexico: Hot Rail [2001]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Mehr so eine Haltung (Post Rock), Die Entdeckung des Teenagers (Rock'n'Roll) oder Bisschen Boogie, bitte (Southern Rock).