Start | Genres  | Rock | Surf Rock

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Surf Rock
Was am Strand so läuft

 

Rock'n'Roll in Kalifornien: Surf

Anfang der Sechziger Jahre verleibt sich die Jugend Kaliforniens den Rock'n'Roll ein. Schnell sind sie, die Instrumentals von Dick Dale oder den Surfaris, und sie kennen keine Moll-Akkorde. Denn Surf, das ist schon vor dem Genrenamen die Musik, die an den Stränden von San Francisco und L.A. zu den Partys gespielt wird. Also entstehen auch Vokalgruppen wie Jan & Dean und die Beach Boys, die über fitte Körper und schöne Wellen singen.

Smile. Es ist eines der Wörter, das als Quersumme aus dieser Zeit bleibt. Brian Wilson beginnt im Jahr 1966 mit den Arbeiten an Smile. Es soll all das übersteigen, was seine Band The Beach Boys bis dahin schon gesungen und gespielt haben. Vor allem soll es auch diese eine Band übertrumpfen an kompositorischen Ideen, an so noch nie gesehenem Songaufbau, an extrem komplizierten, dennoch konsumierbaren Gesangsarrangements. Smile soll hymnischer klingen als alles von den Beatles - Brian Wilson schreibt, in seinen Worten, eine "Teenage Symphonie To God".

Die Mitte der 60er Jahre ist eine Zeit beschleunigten sozialen Wandels. Die Bürgerrechtsbewegung der USA protestiert gegen die gesetzliche Diskriminierung des schwarzen Amerikas. An den Universitäten formiert sich eine Gegenkultur zum offiziellen Amerika. Sie solidarisiert sich mit der Bürgerrechtsbewegung, verknüpft diese Forderung nach Gleichheit allerdings auch mit einem Drängen nach neuen Lebensformen. Involviert darin sind Drogenerfahrungen, und der Anfang von Brian Wilsons Smile ist auch der Moment, in dem an der Westküste die profane Jugendkultur des Surf Rock abgelöst wird von der Suche nach neuen, metaphysischen Erfahrungen.

Scheppern und ruckeln

Die Beach Boys gehören dabei zur zweiten Welle der Surf-Musik, als sie sich 1961 zusammen tun. Bereits vor ihnen gruppiert sich in der Bay Area und überall in Kalifornien diese Szene. Dick Dale und die Surfaris spielen schnelle Instrumentals. Sie vereint die scheppernde Twang-Gitarre und ein ruckelnder Rhythmus. Moll-Akkorde sind unter der Sonne an den Gestaden des Pazifik fremd. Die Musik ist so Dur-lastig wie das Leben: nach Schule, College oder Nebenjob trifft man sich zu Strand-Parties. Wer nicht die neue Mode mitmacht und sein Surfboard hinaus trägt auf der Suche nach der Welle, tanzt eben und lässt es sich gut gehen. Auch der trainierte Körper wird hier gezeigt und in den Songs beschrieben. Diese Darstellung mag etwas schematisch erscheinen - sie läuft allerdings konform mit der Selbstbeobachtung der Surf-Szene. Wie man lebt, so ist es gut.

Durch erste Chartplatzierungen von Surf-Instrumentals wird der Rock'n'Roll der Westküste bald auch zum kommerziellen Trend. Und so verwundert es nicht, dass bald schon Vokal-Gruppen wie eben die Beach Boys, mit ihnen aber auch weitere wie Jan & Dean, die Tornadoes und die Surfaris auftauchen. Sie singen ausgearbeitete Vokalharmonien, in denen der Falsett-Gesang eine bedeutende Rolle einnimmt. Und wie auch ihre Dur-Harmonien das Sich-Treiben-Lassen widerspiegeln, handeln ihre Texte vom Kalifornischen Lebensstil: fetischisiert wird das Surfbrett, die Sonne, die Welle und der Wind; da wie im Rock'n'Roll insgesamt Jungs den Ton bestimmen, gehören auch die Girls zu den Gepriesenen.

Sinnsuche einer Epoche

Das Atemberaubende bereits an den frühen Beach Boys sind die so einfach scheinenden Songs, hinter denen sich komplizierte Arrangement- und Effekt-Ideen von Brian Wilson verbergen. Durch etliche Top Ten-Erfolge der Surf-Bands ist das Thema bald als mediales Ereignis erledigt, und viele der Bands beschreiben eine weitere Freizeitgestaltung in ihren Liedern: Autorennen. So geht die Hot Rod-Musik als direkte Verlängerung des Surf voran.

Wie die Beatles auch, bleiben die Beach Boys in Erinnerung eben nicht nur für ihre großartigen Songs. Beide Bands, die Liverpooler und das Quintett aus Hawthorne, Kalifornien, haben den Wandel reiner Alltagsmusik hin zur epochalen Sinnsuche in ihrer Musik mitvollzogen. Bevor Brian Wilson sich an eine Arbeit setzen wird, die ihm 37 Jahre und etliche Krankheiten abverlangen wird, ist seine Band bereits die bekannteste Gruppe des Surf Rock.

Erst im Jahr 2004 wird Smile als Album fertig. Es ist ein episches, von Drogenerfahrungen leicht wirres Werk aus Pop und großer Geste geworden. Doch auch die Unmittelbarkeit und Spontaneität des frühen Surf Sounds lebt weiter: in von Fans betriebenen Bars und einem lebhaften Underground, überall.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

The Marketts, The Pyramids, The Belairs, The Impacts, The Revels, Surfmen, Ronny and The Daytonas

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

The Surfaris: Wipe Out [1963]
The Beach Boys: Pet Sounds [1966]
Dick Dale & The Deltones: Dale's Greatest Hits [1990]
Jan & Dean: The Original Jan & Dean [1995]
V.A.: Hot Rod Ramble [2000]
V.A.: Surf In Germany [2000]
The Tornadoes: Bustin' Surfboards [2000]
The Ventures: Sixties Guitar Party [2004]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Die Entdeckung des Teenagers (Rock'n'Roll), Einer wird es sein (Sommerhits) oder Bisschen Boogie, bitte (Southern Rock).