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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Singer/Songwriter
Über den Folk hinaus

 

Die späten 60er sind die Glanzphase der Singer/Songwriter

Bevor Bob Dylan seine E-Gitarre einstöpselt, wird der Ausdruck "Singer/Songwriter" kaum benutzt. Mit jenem Moment im Sommer 1965 aber wird nach einem Begriff gesucht, der Joni Mitchell, Laura Nyro und Tim Buckley unter einen Hut bringt. Denn sie alle schreiben zwar Songs, texten und interpretieren in Personalunion. Wie Leonard Cohen auch. Doch nun berufen sie alle sich auf stark unterschiedliche musikalische Grundlagen.

Am 25. Juli 1965 scheppert es. Mitten in der Einöde stehen die Zeugen und halten sich die Ohren: Ganz weit auf die Einen, ebenso weit zu die Anderen. Zum Zeitpunkt des 25. Juli 1965 gilt Newport, ein Städtchen irgendwo zwischen New York und Boston, als Zuhause des Folk Festivals schlechthin. Auch an diesem Abend hat das Publikum soeben noch den klassischen Folk-Song erleben dürfen: Peter, Paul and Mary haben wie erwartet ihre Coverversion des Woody Guthrie-Klassikers This Land Is Your Land gespielt. Nun steht der Headliner des Abends auf der Bühne. Und es rummst.

Denn Bob Dylan, der Jungstar des Folk-Revivals, steht erstmals mit einer E-Gitarre auf der Bühne - und er schart eine komplette Rockband um sich. In einer Szene, in der die Akustikgitarre als Politikum betrachtet wird, bedeutet das einen Affront.

Von nun an wird es mindestens zwei Lager geben: Die Traditionalisten, die außer dem gut gemachten und auf Gitarre und Mundharmonika vorgetragenen Song wenig hören wollen. Und all jene Singer/Songwriter, die neben politischen Inhalten auch das Private thematisieren. All jene also, die sich nicht mehr eindeutig auf die US-Tradition des Folk festlegen lassen.

Alles selbst machen

"Singer/Songwriter": dieser Begriff wird vor Mitte der 60er Jahre kaum benutzt. Wer in Personalunion komponierte, Texte schrieb und auch noch sang, der oder die machte Folk oder eben weitere Rootsmusiken wie Bluegrass oder Blues. Von "Singer/Songwritern" wird erst gegen Ende der 60er Jahre laut gesprochen. Die musikalischen Sprachen, derer sich neue Namen wie Laura Nyro oder Tim Buckley bedienen, sind einfach zu vielfältig. Doch mit Dylan, Joan Baez oder Joni Mitchell haben Nyro und Buckley dennoch ein paar Dinge gemein.

Und diese Gemeinsamkeit besteht eben im Schreiben und Singen von Songs. Unter dem musikalisch wenig sagenden Etikett "Singer/Songwriter" versammeln sich all jene, denen die Texte mindestens so wichtig sind wie die Musik, die aus Text und Musik eine Einheit formen möchten, denen das Material wichtiger ist als die visuelle Inszenierung. Und die obendrein auch noch alles selbst machen - also die Musik schreiben, die Texte schreiben und auch selbst interpretieren. Was noch im Begriff "Songwriter" steckt: Das Lied wird benutzt, also eine meist unter vier Minuten bleibende, Strophe, Brücke und Refrain in vielfacher Weise kombinierende musikalische Form.

Das Sprudeln der Quellen

Gegen Ende der 60er Jahre hat Dylan also die Tradition geknackt. Es kommt zur aufregendsten Phase des Songschreibens in der Popgeschichte. Bob Dylan selbst knallt weiter Songs raus, es folgen ihm die bereits erwähnten Laura Nyro und Tim Buckley. Sie lassen Phrasen und Harmonien aus Soul, Jazz und dem psychedelischen Pop in ihre Songs einfließen. Der kanadische Schriftsteller Leonard Cohen webt in sein Albumdebut Songs Of Leonard Cohen sogar Jahrmarktmusik mit ein.

Viele dieser Singer/Songwriter sind bis heute unterwegs, um immer neue Songs zu spielen. Lou Reed etwa, Joni Mitchell und Neil Young. Dazu erscheinen immer wieder einmal erwähnenswert gelungene Platten, wie im Jahr 1993 zum Beispiel Liz Phairs "Exile On Guyville". Auch das Newport Folk Festival existiert weiter: Im August 2003 spielen dort u. a. Lyle Lovett und Sarah Lee Guthrie. Die Enkelin von Woody hegt ihre Ebbschaft ziemlich traditionalistisch.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Nico, Van Dyke Parks, Randy Newman, Tracy Chapman, Patti Smith, Rickie Lee Jones, Cat Power

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Joan Baez: Joan Baez [1960]
Bob Dylan: Bringing It All Back Home [1965]
Leonard Cohen: Songs Of Leonard Cohen [1968]
Laura Nyro: Eli and The Thirteenth Confession [1968]
Tim Buckley: Happy Sad [1969]
Joni Mitchell: Blue [1971]
Lou Reed: Transformer [1972]
Liz Phair: Exile On Guyville [1993]

Interesse geweckt?
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