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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Rock'n'Roll
Die Entdeckung des Teenagers

 

Wie der Rock'n'Roll die Musik umkrempelte

Mit den Radioshows eines Alan Freed wird der afro-amerikanische Slangausdruck "Rock and Roll" auch einem weißen Publikum ein Begriff. So unterschiedliche Sänger wie Chuck Berry und die Drifters werden damit belegt. Die Plattenfirmen erkennen das Potenzial der Musik und schaffen weiße Retortenstars wie Elvis Presley. Da die Jugend weltweit durch das Hören von Rock'n'Roll rebelliert, entsteht eine ganze Teenager-Industrie. In der BRD etwa wird 1956 mit Bravo das erste Teenie-Magazin überhaupt gegründet.

"The Moondog Rock and Roll House Party" nennt Alan Freed im Jahr 1953 seine neue Radioshow. Schon länger macht er Radio auf dem Sender WJW in Cleveland (Ohio). Doch diese Sendung trägt als erste den Rock'n'Roll im Namen, ursprünglich ein Slangwort schwarzer Blues-Leute für unsittliche Körperbewegungen. Die Show wird von den Jugendlichen dermaßen geliebt, dass Freed schon wenig später ein Angebot aus der Metropole New York erhält. Ab 1954 sendet er "Alan Freeds Rock'n'Roll Party" vom Hudson. Er spielt darin vor allem schwarze R'n'B-Stile, die bald unter dem Etikett "Rock'n'Roll" vermarktet werden.

So stehen Hits von Chuck Berry wie Roll Over Beethoven deutlich in der Tradition des Rhythm'n'Blues, wie er seit den Vierziger Jahren in Chicago gepflegt wird. Ein Fats Domino mit seinen swingenden Bläsern und Kontrabässen wie etwa in I'm Walkin' kann seine Herkunft aus dem Boogie der Südstaaten nicht verleugnen. Vom Gospel geprägte Gesangsgruppen wie die Drifters nehmen in ihren polyphonen Vokal-Sätzen und den luftigen Arrangements bereits den Soul vorweg.

Doch auch weiße Stars bringt der Rock'n'Roll hervor. Zum ersten entwickelt sich aus dem Jump Blues und Western Swing des Nordens eine harte Rock'n'Roll-Sorte, für die später auch in Deutschland zertrümmerte Konzertsäle als Sinnbild herhalten dürfen. Bill Haley und seine Comets gehören zu den bekanntesten Aggressoren auf der Bühne, und ebenso ist ihr Rock Around The Clock ein erztypisches Stück des R'n'R - wie sonst vielleicht nur der Jailhouse Rock oder die Blue Suede Shoes eines Elvis Presley.

"The King", als der Presley heute noch auf dem Thron etlicher Rock-Liebhaber sitzt, liefert ein Beispiel für die Strategien US-amerikanischer Plattenfirmen in den Fünfziger Jahren. Als die Musikindustrie des Landes bemerkt, wie sehr der Rock'n'Roll Anklang auch bei der weißen Jugend findet, baut sie weiße Stars auf. Sie interpretieren jahrelang bloß die Songs schwarzer Sänger und Gruppen, die in den R'n'B-Charts von Billboard bereits ganz oben gestanden und somit ihr Vermarktungspotenzial bereits bewiesen haben.

So verdient Pat Boone ganz gut mit Ain't That A Shame von Fats Domino. Auch Shake, Rattle and Roll stammt nicht etwa von Bill Haley, sondern von Joe Turner - der Erstgenannte aber verkauft weit mehr Singles von seiner Version. Mit Big Mama Thorntons Hound Dog schließlich gelingt es Elvis Presley im Jahr 1956 als erstem Interpreten, die Spitze der Pop-, der R'n'B- und der Country & Western-Charts gleichzeitig zu belegen.

Nie zuvor hat es in der Geschichte der populären Musik eine derartige Maßschneiderei auf den Leib einer Generation gegeben wie im Fall des Rock'n'Roll. Der Teenager wird auch bald schon in der BRD als Konsument mit ganz eigenen Bedürfnissen entdeckt. Denn aufgrund der Stationierung amerikanischer G.I.s nach dem 2. Weltkrieg wandern die als heiß und fetzig empfundenen Sounds rasch über den Atlantik. Kommentar der Elterngeneration: „Räubermusik!" Ein solches Urteil zeigt den Teens, dass sie genau das Richtige hören.

Mit Chris Howland alias Mr. Pumpernickel etabliert sich der Alan Freed der Bundesrepublik. Von Frankfurt aus schickt Pumpernickel hohe Dosen Rock'n'Roll über den Äther. Mit Ted Herold reift der erste Rock'n'Roll-Star heran, der die Musik in deutscher Sprache vorträgt. Peter Kraus folgt ihm bald in der Teenie-Gunst. Auch im Film findet eine US-Halbstarken-Figur wie James Dean ihre Entsprechung.

Nach dem Streifen "Die Halbstarken" ist Horst Buchholz 1956 ein Schwarm vor allem der weiblichen Jugend. Wie nachhaltig Rock'n'Roll nicht nur die Musik geprägt, sondern erstmals einen ganzen Jugendmarkt geschaffen hat, zeigt sich in einer Zeitschriften-Gründung dieser Zeit. Im gleichen Jahr, in dem auch "Die Halbstarken" erscheint, wird das Teenie-Magazin aller deutschsprachigen Teenie-Magazine gegründet: die Bravo.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Buddy Holly, Bo Diddley, Lloyd Price, The Dominoes, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison, Big Joe Turner

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Bill Haley & His Comets: Shake, Rattle & Roll [1955]
wiederveröffentlicht als: Rock Around The Clock [1999]
Elvis Presley: Elvis Presley [1956]
Chuck Berry: After School Session [1958]
Buddy Holly: Buddy Holly [1958]
Fats Domino: The Faboulous Mr D [1958]
The Drifters: Save The Last Dance For Me [1962]
Ted Herold: Rock'n'Roll Music [1978]
Peter Kraus: Rock, Peter, Rock [1992]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen "The Matrix" zum Hören (R'n'B), Lernen von den Alten (Blues Rock) oder "Gottes eigenes Land" (Country).