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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Progressive Rock
Die Klaviatur des Erwachsenwerdens

 

Angriff mit Klassik: Progressive Rock

Gegen Ende der 60er Jahre wird der Rock'n'Roll erwachsen. Seinem Körper wächst ein Hirn, das sich selbst genug ist und das "Roll" nicht mehr braucht. Bisher ganz in der Erwachsenenwelt verortete Elemente wie Zitate aus der klassischen Musik und Lyrik kommen zum Einsatz, E-Pianos und eine neue Verbindlichkeit im Ton. "Progressiv" wird das genannt, was King Crimson, Yes oder Pink Floyd sich erarbeiten.

Was bis dahin geschehen ist: Seit den 50er Jahren ist Rock'n'Roll die Musik der Jugend. Der Teenager wird gleichsam mit ihm erfunden. Wer Rock'n'Roll hört ist jung, wer keinen Rock'n'Roll hört, soll halt zum Schlager gehen, zu Klassik oder Jazz. Je nach Millieu, je nach Geschmack. So verlaufen leicht überspitzt formuliert die Grenzen. Rock'n'Roll ist jung, braucht keine Vorsilbe, kein „traditionell" oder „Neo-".

Zwangsläufig müssen sich gut 15 Jahre nach dem großen Siegeszug diese Linien verwischen. Wer 1955 noch als Teenager Bill Haley verehrt hat, ist 1970 schließlich um die 30 Jahre alt. Es sind inzwischen große Namen, mit denen die Aufweichung der geschmacklichen Unterschiede zwischen Kids und Alten ihren Anlauf nimmt. Die Beatles machen auf Sgt. Peppers das Melotron bekannt, einen Synthesizer; die Beach Boys erweitern 1966 mit Pet Sounds das Vokabular des Rock um Theremin und elaborierte Gesangs-Harmonien. Auch einem Bob Dylan mit seinen literarischen Texten hören zu dieser Zeit die Erwachsenen zu. Neue Bands werden gegründet, die sich die neuen Nuancen zu Herzen nehmen.

Ab in den Mainstream

King Crimson heißen sie, Yes, oder Jethro Tull. Mit ihnen hält ein neuer Geist Einzug in die Popkultur. Durch ihn wird Rock erweitert um Konzepte, schwerwiegende Arrangements, durchkomponierte Songs. Und so entsteht das progressive Element wieder einmal aus der Verquickung bereits existierender Formen. Die meisten der Gruppen kommen aus England. Jethro Tull mit ihren lyrischen Texten und Flöten-Soli entstammen den Blues-Kneipen Blackpools; Genesis kennen sich schon seit gemeinsamen Schulzeiten in Surrey, King Crimson treffen sich 1969 in London.

Mit ihnen beginnt die Karriere des E-Pianos, und weil es eine klar strukturierte Umgebung braucht, auch gleichzeitig die des High-End-Hörgenusses in Pop und Rock. Der Bombast zieht fast gleichzeitig mit dem Experiment in diese Sounds ein: wer sich nicht mit den immer gleichen Akkorden begnügt, entwickelt gerne einen Ehrgeiz in Richtung Arrangement und Produktion.

Der Begriff „Konzeptalbum" entsteht in dieser Zeit: die Beatles haben es auf Sgt. Pepper's vorgemacht, 1969 widmen sich auch King Crimson auf In The Court Of The Crimson King einer Geschichte, die auch noch wie eine Symphonie in fünf Teile untergliedert ist. Pink Floyd veröffentlichen eine ganze Reihe von Konzept-Alben. The Wall wird 1979 zu einer der bekanntesten Rock-Platten überhaupt.

Einsickern in die Hörgewohnheiten

Zu dieser Zeit hat die Band aus London eine lange Geschichte hinter sich: von weit draußen schwebenden Space Rock über Opernhaften Progressive Rock hat sie sich mit The Wall zum Mainstream Rock hin bewegt, wenn auch weiterhin ein erwachsenes Publikum ansprechend. Diese Entwicklung ist typisch für viele der ProgRocker. Ihre anfangs ungewöhnlichen Instrumente und Text-Ideen sickern im Verlauf der 70er Jahre in die Hörgewohnheiten ein.

Viele der Rock-Innovatoren wie Genesis, Yes oder eben Pink Floyd besitzen dadurch zu Beginn der 80er Jahre Superstar-Status, während hervorragende Gruppen wie zum Beispiel Soft Machine um Robert Wyatt für immer zum Kritikerliebling verdammt scheinen. Und die jüngeren Rock-Sterne bedienen sich wie selbstverständlich aus deren Vermächtnis: Queen setzen Rock und Oper gleich, Marillion oder Asia pflegen den Bombast. Endgültig bedeutet Rock nicht mehr automatisch Jugend.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Gentle Giant, Mike Oldfield, Magna Carta, Peter Banks, Manfred Mann's Earth Band, Kansas, Van der Graaf Generator

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Moody Blues: Days Of Future Passed [1967]
King Crimson: In The Court Of The Crimson King [1969]
Genesis: Nursery Cryme [1971]
Jethro Tull: Thick As A Brick [1972]
Barclay James Harvest: Time Honoured Ghosts [1975]
Pink Floyd: Wish You Were Here [1975]
Emerson, Lake, & Palmer: Brain Salad Surgery [1973]

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Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Die Entdeckung des Teenagers (Rock'n'Roll), Anarchie ist ein Headbanger (Punk Rock) oder Drogen kriechen in die Instrumente (Psychedelic Rock).