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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Krautrock
Von der Hippie-Kommune zur Avantgarde

 

Krautrock befreite die Rockmusik von ihrem hüftbetonten Klischee.

Mit „Krautrock" verbindet man heute eine genaue Vorstellung von deutscher Rockmusik. Dabei hat es eine „Krautrock"-Szene nie gegeben. Es war nur eine Erfindung der englischen Musikpresse, denn das war damals wirklich neu: Die „Krauts" machen Musik, und zwar typisch deutsche. Kraftwerk hatten diesen schönen technizistischen Namen und sangen ein Loblied auf die Autobahn. Das war der Durchbruch; und alles was lange davor gekommen war, musste nachträglich in eine Schublade gepresst werden.

Was heute unter „Krautrock" firmiert, ist musikalisch nur schwer auf einen Nenner zu bringen. In Düsseldorf (Kraftwerk, Neu!, Cluster) wurde Ende der 60er bereits am Vorläufer des Industrial gearbeitet, während die Berliner Bands (Tangerine Dream, Ash Ra Tempel) entweder noch in den 68er-Nachwehen steckten und „Kosmische Musik" ihren ersten Boom erlebte - und München ( Guru Guru , Popol Vuh) immer noch tief im Jazzrock und New Age versackt war.

Was die Bands verband, war die klare Absage an die Konventionen der Rockmusik, auch wenn nicht alle so avanciert waren wie z. B. Can, Kraftwerk, Ash Ra Tempel oder Neu!. Es herrschte eine Aufbruchstimmung im Land, beflügelt vom weltweiten Psychedelic/ Progressive Rock-Boom.

Heute spricht man von diesen drei Zentren, die sich hermetisch gegeneinander abgeriegelt hatten. In Düsseldorf und Köln war die Dichte an wegweisenden Bands besonders groß. Allein die Folgen von Kraftwerk, Can und Neu! für die internationale Rock- und Popmusik lässt sich heute in einer Referenzliste ablesen, die von Brian Eno über David Bowie bis Afrika Bammbaataa reicht.

Düstere Collagen und kosmische Musik

Die ersten beiden Kraftwerk-Alben waren schon die Rohfassung von dem, was später Industria Musicl genannt werden sollte. Noch weit entfernt von ihren späteren Electro Pop-Songs wie "Radioaktivität" oder "Tour de France", entwarfen sie verstörende, atmosphärisch düstere Soundcollagen, die mit der Bluesrock-Vergangenheit der Bandmitglieder radikal gebrochen hatten. Noch weiter gingen Cluster, deren improvisierte Tüfteleien mit klassischem Rock-Equipment und den elektronischen Gadgets ihres Produzenten Conny Plank heute als die Blaupause für Ambient Musik gelten. Conny Plank wurde später zu einer der Schlüsselfiguren in der sogenannten Krautrock-Szene; seine Produzentätigkeit für Kraftwerk, Neu!, Cluster und ein dutzend weiterer Bands drückten der Musik einen unverwechselbaren Stempel auf, ohne dass sein Einfluss auf den Sound Überhand nahm.

An Bands wie Kraftwerk und Cluster zeigte sich schon die Hinfälligkeit des KrautROCK-Begriffs. Ganz im Gegensatz zu Can und Neu!, deren musikalisches Rückgrat ihre beiden Schlagzeuger Jaki Liebezeit (Can) bzw. Klaus Dinger (Neu!) gewesen sind. Beide Bands blieben strukturell dicht am Rock, begannen aber, verstärkt repetitiv zu arbeiten, was später von sog. Postrock-Bands wie Tortoise oder To Rococo Rot nochmals aufgegriffen wurde. Und das war es auch, was ausländische Musiker an den (besseren) Krautrock-Bands so begeisterte: typisch deutsche Tugenden wie Ausdauer, Fleiß und Perfektion. Liebezeit wurde schon in den 70ern seine Maschinen-ähnliche Spielweise vorgeworfen, während Dinger bei Neu! über zehn Minuten einen hypnotischen, fast polyrhythmischen Groove halten konnte, den David Bowie damals mit dem der JBs, der Backing-Band James Browns, verglich.

Tangerine Dream wandelten dagegen auf den Spuren von Pink Floyd. Nach ihrem äußerst rohen, fast garagigen Debüt "Electronic Meditation" (noch mit den deutschen Elektronik-Pionieren Klaus Schulze und Conrad Schnitzler), begaben sie sich auf einen kosmischen Trip, der ihnen als erste Krautrock-Band einen internationalen Major-Deal verschaffte. „Kosmische Musik" war der Begriff, der in Berlin für ihre Musik und die von Ash Ra Tempel erfunden wurde. Eine Art Spacerock, der das volle Klangspektrum ihrer Orgeln und Synthesizern ausschöpfte und tiefe dronige Soundscapes entwickelte, womit sie die Arbeitsweise der populären elektronischen Musik bereits vorwegnahmen. Im Laufe der 70er Jahre nahmen ihre Experimente jedoch immer esoterischere Züge an.

Das Glück der brillanten Eingebung

Außerhalb jeglicher Szenen, und noch am ehesten dem Krautrock-typischen Bild einer Hippie-Kommune entsprechend, arbeitete die Band Faust. Bei Faust war es gerade ihr Dilletantismus und ihre Naivität, die zu einigen hippiesk verkitschten wie auch brillanten Alben führte. Auf einem alten Bauernhof vor Hamburg hockte die fünfköpfige Band und brütete die krudesten Ideen aus, die zu so einem absonderlichen Album wie "Faust 1" führen sollten. Zwischen gruppendymischem Hippie-Singsang, avantgardistischen Kompositionen und rohe Cut Up-Experimenten waren Faust-Album für so manche Überraschung bzw. brillante Eingebung gut.

Das Krautrock-Revivals der späten 90er spülte noch mal viele dieser Bands, deren einzelne Musiker meist bis dahin solo aktiv gewesen waren, nach oben. Zu gönnen war es ihnen, denn viele der Krautrock-Bands waren „Schläfer", deren Bedeutung erst erkannt worden war, als sie sich längst wieder aufgelöst hatten.

Weitere Meister dieser Strömung sind:

Harmonia, Jane, Amon Düül II, Birth Control, Embryo, La Düsseldorf, Witthüser und Westrupp, Cosmic Jokers

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Can: Tago Mago [1971]
Neu!: Neu 2 [1973]
Ash Ra Tempel: Schwingungen [1972]
Faust: Faust [1971]
Tangerine Dream: Electronic Meditation [1969]
Cluster: 71 [1971]
Kraftwerk: Autobahn [1974]
Klaus Schulze: Cyborg [1973]
Amon Düül II: Phallus Dei [1969]
Conrad Schnitzler: Blau [1973]

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Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Der Dreiklang des Grases (New Age-Musik), Objets trouvées aus Klang (Industrial) oder Wie Rock erwachsen wurde (Progressive Rock).