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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Hamburger Schule
Die Eloquenten

 

Hamburger Schule: Kaum jemand fühlte sich zugehörig

„Hamburger Schule". Wie strittig ein Journalistenbegriff sein kann, das zeigt sich am Beispiel von Bands wie den Sternen, Blumfeld oder Tocotronic. Denn was da unter einen Hut gebracht wurde, hatte schließlich einiges gemeinsam. Ein Interesse an Politik, eine Punk- oder Post Punk-Vergangenheit und die deutsche Sprache verband all jene Bands aus Hamburg. Gerade aber weil die Die Goldenen Zitronen so eloquent sangen wie etwa Cpt. Kirk &., wurde der Sammelbegriff von den Betroffenen gerne abgelehnt.

Das Wort von der „Hamburger Schule" zählte zu jenen Themen der berichterstattenden Büros, die durch ihre enorme Strittigkeit lange im Umlauf blieben. Was Medien halt so machen, um ihre „Geschichten" zu kriegen: Die Umrisse eines Phänomens derart bündeln, dass es sich klar und eindeutig zeigt. Dafür werden Schlagwörter gebraucht.

Logisch, dass gerade Bands, die sich in Abwehrstellung gegenüber den herrschenden politischen, sozialen, und die Geschlechterverhältnisse regelnden Systemen befinden, ihre Erzählungen genau und konkret vernommen wissen wollen. Da kann man keine Schlagwörter brauchen. Bands wie Die Regierung, Die Braut Haut Ins Auge und Die Goldenen Zitronen zum Beispiel agierten oder agieren alle auf völlig unterschiedliche Weisen politisch. Die ersten spöttelten zynisch, die hauende Braut thematisierte die Machtbalance unter den Geschlechtern, die Ex-Funpunks Die Goldenen Zitronen griffen 1994 auf Das Bisschen Totschlag Ereignisse wie die rassistischen Anschläge in Rostock auf. Also wirkt "Hamburger Schule" als Vokabel vereinheitlichend, aus der Luft gegriffen ist sie aber dennoch nicht.

Feinhörige Lyrik

Schließlich einte diese Bands, die ab Anfang der 90er immer stärker in den Blick der Öffentlichkeit gerieten, auch mehr als die diversen Linien linken politischen Bewusstseins. Sie sangen in Deutsch, und sie hatten zu einem Großteil einen Hintergrund, der auf Punk und Post Punk gebaut war. Kolossale Jugend zum Beispiel. Sie tauchten 1989 mit „Heile, Heile Boches" auf, einem Album, das Indierock voller sich beschwerender Gitarren und holprigen Beats bot. Und dazu schwere, die Psyche von Sänger und Texter Kristof Schreuf ergründenden Texte. Sie waren selten parolenhaft, doch ein Slogan sollte in Hamburg die Runde machen: „Der Text Ist Meine Party". Denn Indierock in deutscher Sprache, das war bis dahin nur punktuell aufgetaucht. Nach Kolossale Jugend multiplizierte sich dann die Haltung, in der Sprache zu singen, in der man sich auch im Alltag unterhält.

Zu Beginn der 90er wurden zwei Alben veröffentlicht, die in ihren Texten eine ähnliche Lyrik der Gegenwart boten. Allerdings unterschieden sich Ich-Maschine von Blumfeld und „Reformhölle" von Cpt. Kirk & in ihrer Musik. Denn Blumfeld klangen ein wenig nach folkiger Fortführung von Sonic Youth-Gitarren, während Cpt. Kirk & Singer-Songwriter wie Robert Wyatt gehört hatten und sehr feinhörig produziert waren. Beide Bands sprachen davon, wie Jochen Distelmeyer in „Aus Den Kriegstagebuechern" oder Tobias Levin in „Bad Saalschlacht", nicht mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen einverstanden zu sein.

Die Erfolge der Tellerwäscher

Fickt Das System, diese Parole gaben Die Sterne auf einer Maxi 1992 aus. Ihr mit Indie-Haltung gepflegter Funk wurde meist allerdings von lauter schlauen und weniger eindeutigen Zeilen begleitet. Frank Spilker war da am Werk und sang leicht gelangweilt von „Vorabend-Redakteurs-Gesichtern" oder unterbezahlten Jobs wie dem Universal Tellerwäscher.

Tocotronic dagegen feierten das Einfache: Ihre ersten Alben wie Digital Ist Besser rotzten Punk in Trio-Besetzung runter. Dazu wurde mit Studenten-Kitsch abgerechnet: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse/Backgammon-Spieler dieser Stadt". Mit KOOK folgte 1999 eine Zuwendung zu Fantasy-Keyboards und dunkler Poesie, die 2002 in dem Album Tocotronic mündete, einem sehr eleganten, merkwürdigen Werk.

Sowieso ist 2002 eine Art Reife-Jahr der Hamburger Schule: Auch Die Sterne veröffentlichten nach einigen eher mittelmäßigen Platten das erwähnenswerte Irres Licht, und auch Rocko Schamoni, der sich zuvor bereits als Entertainment-Rocker und Show-Popper inszeniert hatte, kam mit Der Schwere Duft Von Anarchie als eleganter Soulsänger zurück. Zu der Zeit redeten allerdings auch die Medien kaum noch von der Hamburger Schule. Schließlich waren auch weitere wichtige Bands ganz individuelle Wege - im Falle von Blumfeld weg vom Indietum und hin zum großen Pop - gegangen. Über Politik reden sie dennoch bis heute, über Politik und gegen herrschende Verhältnisse.

Weitere Meister dieser Strömung sind

Kante, Motion, Bernd Begemann, Bernadette La Hengst, Parole Trixi, Les Robbespierres, Huah !, Brüllen, Mobylettes

Diese Alben besitzen Schlüsselqualitäten:

Rocko Schamoni: Jeans und Elektronik [1988]
Kolossale Jugend: Heile Heile Boches [1989]
Blumfeld: Ich-Maschine [1992]
Cpt. Kirk &: Reformhölle [1992]
Die Sterne: In Echt [1994]
Die Goldenen Zitronen: Das Bisschen Totschlag [1994]
Tocotronic: Digital Ist Besser [1995]
Die Regierung: Unten [1995]
Die Braut Haut Ins Auge: Plus Eins Auf Der Gästeliste [2000]
Tocotronic: Tocotronic [2002]

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