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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Deutsch-Rock 2010
Weltregion Bundesrepublik Deutschland

 

Der tiefgreifende Wandel des Deutschrock

Die Unterschiede sind deutlich zu erkennen: Zwischen den ersten Tönen eines Udo Lindenberg und der Weltkarriere von Tokio Hotel hat sich Rockmusik in deutscher Sprache tiefgreifend gewandelt. Mittlerweile gilt: Jeder Musikstil kennt auch ihre deutschen Texte. Ist das Logo "Deutschrock" überhaupt noch aussagekräftig?

Zunächst ist klar: Deutschrock ist immer schon ein Logo gewesen, dass sehr verschiedene Musikstile unter einen Hut kriegen musste. Zwischen dem Politrock einer Band wie Ton Steine Scherben und der esoterischen Exzentrik einer Nina Hagen liegen Lebenswelten. Ganz zu schweigen von den Gruppen in der DDR wie zum Beispiel Karat, die eine zweite Ebene in ihren Texten erschaffen mussten, wollten sie die Lebensverhältnisse thematisieren. In den Jahren zwischen 1990 und 2010 jedoch hat sich ein tiefgreifender Wandel ereignet: Am Ende dieses Prozesses ist es schlicht eine Selbstverständlichkeit, wenn zwischen Aachen und Dresden, Oberammergau und Flensburg in deutscher Sprache gesungen wird.

Rap gehört sicher zu den Katalysatoren dieser Entwicklung. In den 1980er Jahren in den USA aufgekommen, landet die Musik aus Plattenteller-Rhythmen und Sprechgesang zunächst in den G.I.-Discos der Bundesrepublik. Sie wird eingemeindet: Schon Ende der 1980er Jahre rappen die ersten MC's in deutscher Sprache. Bekannt werden Freestyle-König Mc Rene und die Pioniere Advanced Chemistry, bevor die Fantastischen Vier mit ersten Chartsplatzierungen ebenso ihren Beitrag leisten: Irgendwann in der Mitte der 1990er Jahre löst HipHop die Körperlichkeit des Techno als maßgebliche Jugendkultur ab.

Rock den Mauerfall

Überhaupt avanciert die Popkultur zu, wie es in einem Buchtitel der Publizisten Tom Holert und Mark Terkessidis heißt, einem "Mainstream der Minderheiten". Das was mehrheitsfähig ist, es an die Spitze der Verkaufscharts schafft oder in die hochdotierten Samstagabend-Shows, das kommt mehr und mehr aus Jugendkulturen mit ihren eigenen Ästhetiken. Dass im Jahr 2010 sowohl das neue Album einer Rock-Band wie Tocotronic an der Spitze der Hitparade landet, als auch ein Jan Delay bei "Wetten, dass?" auftritt, ist dann keine Überraschung mehr.

Die deutsche Sprache hält jedoch nicht von den Subkulturen her Einzug in den Mainstream. Da war ja noch was: Im Jahr 1989 fällt die Mauer, am 3. Oktober 1990 werden die beiden Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik zu einem Staatswesen vereint. Damit gibt es mit einem Schlag fünf neue Bundesländer. Und in allen ist mit großer Selbstverständlichkeit auf deutsch gesungen worden. All die populären Gruppen der DDR, von City bis Silly, sangen so.

Die Internationalisiserung des Sounds

Was also zaghaft beginnt, mit dem Indie-Rock der Hamburger Schule und den Singer/ Songwriter-Stücken von Element Of Crime, mit Rap und dem Fortsetzen der Gepflogenheiten im Osten, führt allmählich zu neuen Stars. Das Berliner Duo Rosenstolz etwa findet sich seit Ende der 1990er Jahre mit großer Regelmäßigkeit an der Spitze der Charts wieder und spielt in ausverkauften Hallen mit Platz für 10 000 Besucher und mehr.

Die größten Stars indes wachsen durch etwas heran, was die "Internationalisierung der Rock-Produktion" genannt werden könnte. In der Zeit nach Nirvana erfreut sich der "Alternative Rock" großer Beliebtheit. Bands wie die Stone Temple Pilots oder Pearl Jam berufen sich zwar auf die Aufsässigkeit des Grunge, lassen sich jedoch Bügelfalten in ihre Songs produzieren - in den teuersten Studios.

Diese kontrollierte Aggressivität entwickelt sich zur Grundlage des neuen Mainstream-Rock. Die Sportfreunde Stiller liefern damit den inoffiziellen Soundtrack zur Fussball-WM 2006. Auch die größten deutschen Stars klingen so: Tokio Hotel lassen noch etwas von der Pop-Kultur Japans einfliessen, werden im Nu zu Teenie-Stars und machen mit dem Album Tokio Hotel: Humanoid [2009] Furore noch in den entlegensten Welt-Teilen, wenn auch in der englischsprachigen Version.

Ohne diese Entwicklung ebenso undenkbar: Die Trias der deutschsprachigen Rock-Bands. Wir Sind Helden, Silbermond und Juli füllen allesamt Stadien. Im Vergleich mit dem Deutschrock der 1970er und 1980er Jahre handeln, mit Ausnahme der Kreuzberger Wir Sind Helden, nicht mehr von spezifischen Millieus oder sozialen Begebenheiten. Die persönlichen Befindlichkeiten sind es, die zur Identifikation ganz offensichtlich taugen.

Weitere Meister dieses Gneres sind:

Erdmöbel, Samba, Virginia Jetzt!, Klee, Selig, Madsen, Madsen, Revolverheld

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Element of Crime: An einem Sonntag im April [1994]
Tocotronic: Es ist egal, aber [1997]
Wir sind Helden: Die Reklamation [2003]
Juli: Es ist Juli [2004]
Silbermond: Verschwende deine Zeit [2004]
Sportfreunde Stiller: You Have To Win Zweikampf [2006]
Tokio Hotel: Humanoid [2009]
Silly: Alles rot [2010]

Interesse geweckt?<7B>
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen zu diesem Thema an. Zum Beispiel in den Einträgen Anti-Yeah-Referate und Punk-Erlasse (Rock in der DDR), Drängende Themen, deutliche Sprache (Deutschrock der 1980er Jahre) oder Pop spielt mit Schauerromantik (Darkwave).