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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Video-Clip
Beschleunigen, verlangsamen, bewahren

 

Video-Clips und das Erleben von Zeit

Schon im 16. Jahrhundert werden in Mitteleuropa mit dem „grafischen Cembalo" die ersten Umsetzungen von Tönen in Bilder unternommen. Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich aus einer langen Geschichte eine Kurzform von Gesamtkunstwerk entwickelt: Der Videoclip funktioniert über Musik, Bilder und die Darstellungen von Stars. Manchmal sind es auch Roboter. Der Video-Clip hat dabei die erlebte Zeit absorbiert und seinerseits beschleunigt. Mit der DVD hat er sein optimales Medium gefunden: Prompt gründen drei Clip-Regisseure das Director's Label, um ihre DVDs in die Wohnzimmer zu bringen.

Als Kunstform bedient sich der Video-Clip den Mitteln von Musik, Schauspielerei und Werbung. Schließlich liegen die unmittelbaren Vorläufer des Clips in den Promotion-Filmen: Die Plattenfirmen beginnen Ende der 60er Jahre damit, für Songs wie etwa Penny Lane von den Beatles eigene Kurzfilme herzustellen. So muss man gefragte Bands nicht direkt in jede Musiksendung schicken, sondern übermittelt die eigenen Bilder gleich mit der Musik dazu.

Im Clip kulminiert eine Entwicklung, die bereits seit dem 16. Jahrhundert andauert: Am Prager Hof des Habsburger Kaisers Rudolph der II. baut Giuseppe Arcimboldo sein „grafisches Cembalo". Jedem Einzelton wird mechanisch eine Farbe zugeordnet, diese in den Raum projiziert. Die Idee wird weiter verfolgt bis zu den Farborgeln und Farbklavieren des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Jahr 1929 und dem Tonfilm sind sie schließlich Legion: die Möglichkeiten, Musik und Farbe in Beziehung zu setzen. Gerade der Swing produziert etliche Musikfilme. Doch sind diese in Schnitt und Erzähltempo noch ganz auf ihre Spielfilmlänge von neunzig Minuten angelegt. Erst in den späten Sechziger Jahren tauchen die Promotion-Filme wie eben Penny Lane oder Strawberry Fields Forever der Beatles auf: Damit ist die Grundidee des Clips gelegt. In der Dauer des Popsongs, also während zweieinhalb bis vier Minuten, soll der Künstler im besten Licht dargestellt werden. Die Möglichkeiten dieser Darstellung erweitern sich im Laufe der Siebziger Jahre.

Mit dem Video-Synthesizer ist es seit 1971 möglich, vollsynthetisch - also ohne Vorlage - Bilder herzustellen. Diese werden zunächst in der Videokunst genutzt. Nam June Paik, Yoko Ono und Laurie Anderson gehören zu den frühen Vögeln. Doch auch Pop Art Bands wie die Residents und Devo produzieren seit Beginn der 70er Jahre Musikvideos, in denen Musik und Bild von gleicher Bedeutung sind. Die Entwicklung zum hyperschnellen Clip, wie er heute Standard ist, beschleunigt sich gegen Ende der 70er Jahre fast dramatisch: Ab 1977 wird der Heimvideorekorder vermarktet, und bereits im Jahr 1981 wird in den USA der erste Fernsehsender gestartet, der ausschließlich Musik-Clips spielt. Sein Name ist, fast logisch, Music Television (MTV).

The Buggles prophezeien Video Killed The Radio Star, umgesetzt im Clip von Regisseur Russell Mulcahy. Tatsächlich stiehlt der Videoclip dem Radio eine ganze Zeit lang die Show. Vom Werbefernsehen lernt er, seine Geschichte möglichst drastisch und in kurzer Zeit zu erzählen. Zu den Mitteln gehören fortgeschrittene Technologie wie etwa die Tricks in Stephen R. Johnsons Sledgehammer für Peter Gabriel (1986), Schock-Effekte wie John Landis' Thriller für Michael Jackson (1982). Vor allem aber gehört dazu der immer schnellere Schnitt der Bilder, mittels dessen man sich Aufmerksamkeit erhofft. Mit dem Musikfernsehen wird ein beschleunigtes Zeitempfinden ebenso aufgenommen, wie das Medium seinerseits wieder das Zeitempfinden beschleunigt.

Musik-TV macht alles schneller

Wie sehr auch durch den Video-Clip das Bild zum Leitmedium geworden ist, das zeigt eine gemeinsame Erfindung von Blur-Sänger Damon Albarn und Comic-Zeichner Jamie Hewlett. Im Jahr 2001 rufen sie die Gorillaz ins Leben: Eine aus vier Comicwesen bestehende Band. Somit eine Gruppe, die nur über Bildmedien existieren kann.

Anfang der Nuller Jahre: Wieder ist ein Format - der Clip, 1977 ging es um den Kino-Film auf VHS-Kassette - derart angekommen zuhause, dass er sein individualisiertes Speichermedium findet: Die DVD. So gründen im Jahr 2003 drei Videoclip-Direktoren das Director's Label: Spike Jonze, Michel Gondry und Chris Cunningham stellen als ersten Akt Best Of-Videoclip-DVDs eigener Werke zusammen. Vielleicht sind als nächstes die in den großstädtischen Clubs immer mehr zum Standard werdenden Video-Jockeys dran, ins Fernsehen zu rücken. Die Abstraktion ihrer Bilder erinnert teilweise schon wieder an die Farbspiele des grafischen Cembalos. Die MTV-Serie „Mash Up" benutzt bereits durchaus deren Tricks und Taktiken.
(cb)

Weitere Meister des Video-Clip sind:

Daniel Pearl: So You Want To Be A Rock'n'Roll Star (The Byrds, 1969), The Residents: Land Of 1000 Dances (The Residents, 1972), David Bowie & David Mallet: Ashes To Ashes (David Bowie, 1980), Stephe Barrons: Take On Me (Aha, 1986), Paul Hunter: The Dope Show (Marylin Manson, 1998), Floria Sigismondi: Makes Me Wanna Die (Tricky, 1997), Antoine Bardot-Jacquet: The Child (Alex Gopher, 1999)

Einige Schlüsselwerke dieses Genres sind:

Peter Goldman: Penny Lane [ The Beatles, 1967]
Russell Mulcahy: Video Killed The Radio Star [Buggles, 1980]
Stephen R. Johnson: Sledgehammer [Peter Gabriel, 1986]
Spike Jonze: Cannonball [The Breeders, 1993]
Michel Gondry: Around The World [Daft Punk, 1997]
Jonathan Glazer: Rabbit In Your Headlights [Radiohead, 1998]
Chris Cunningham: Windowlicker [Aphex Twin, 1999]
Jamie Hewlett: Clint Eastwood [Gorillaz, 2001]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Vorläufer des Clips (Musikfilm), Hits, Tanz, Bühnenbild – Alles drin (Musical) oder Das Gedächtnis des Schlagers (Evergreen).