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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Tin Pan Alley
Noten wie bestellt

 

Hier entsteht die Musikindustrie: Tin Pan Alley

In den USA des frühen 20. Jahrhunderts werden mehr Notenblätter als Schallplatten verkauft. Und so sind es die Komponisten wie Irving Berlin und Cole Porter, sind es die Texter und Verleger, die in dieser Zeit ihr Geld mit Musik verdienen. Gleichsam entstehen in der Tin Pan Alley-Ära etliche Standards der Song-Geschichte: "Night And Day", "Puttin' On The Ritz" oder auch "Summertime".

Die wirkliche „Tin Pan Alley" hieß schlicht 28th Avenue und lag in New York gleich hinter dem Broadway. Doch ein Komponist griff zu jener vielsagenden Umschreibung für den Ort, an dem sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Musikverlage der USA ansiedelten: „Tin Pan Alley", Allee der Blechpfannen. Damit umschrieb Monroe H. Rosenfeld im Jahr 1900 den Krach, der aus den Büros an der Achtundzwanzigsten feuerte. Das Lärmen wurde verursacht von all den Komponisten, die bei den Verlegern vorstellig wurden und ihre Werke vorspielten.

Denn wer es dazu brachte, bei den Verlegern der Tin Pan Alley zu erscheinen, der konnte hoffen. Durch ihre Einschränkung, nur populäre Musik zu veröffentlichen - Spezialisierung zählte zu den Grundmerkmalen des zu jener Zeit um sich greifenden Kapitalismus - erreichten die in der Alley verlegten Notendrucke teilweise sogar Millionenhöhe.

Hier entsteht der moderne Song

Der kommerzielle Vertrieb von Schellack-Platten begann ja erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Und es sollte noch bis zu den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und dem Rock'n'Roll dauern, bis die Schallplatte gänzlich den Notendruck als Haupt-Medium der Musik ablöste.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich wieder ein Umbruch ab, der physische Tonträger tritt seinen Weg in die Nischen an. Internet und Handy scheinen die Wege zu werden, über die wir Musik empfangen. Und doch wirkt die Ära der Tin Pan Alley nicht nur deshalb bis heute nach, weil mit den großen Verlagshäusern jener Jahre wie Shapiro oder Witmark & Sons die Musikindustrie entstand. Es entstand auch eine standardisierte Form des Liedes, wie sie heute noch verwendet wird. Und andersrum: Es entstanden zahlreiche Song-Standards in der großen Zeit des Tin Pan Alley.

Hier entsteht das Great American Songbook

Komponist Irving Berlin etwa startete seine Karriere als „Song Plugger" beim Verleger und Vaudeville-Komponisten Harry von Tilzer. Song Plugger verteilten neue Notenblätter bei wichtigen Klavierspielern, an den heissen Vaudeville (Varieté-) Theatern und wurden auch mal im Publikum platziert, um bei einem neu verlegten Song „begeistert" mitzusingen. Aufgrund seines Talents aber konnte der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Berlin bald schon auf eigene Kompositionen aufmerksam machen. Mit dem Song Alexander's Ragtime Band wurde er zu einem anerkannten Songschreiber für Musical und Revue. Bis heute werden seine Lieder interpretiert, zu denen Puttin' On The Ritz und There's No Business Like Showbusiness zählen. Ebensolche Standards schafften auch Cole Porter mit Night And Day und George Gershwin mit Summertime.

Geschrieben wurden die meisten dieser Titel für Film und Musical. Doch wer ihre Lieder sang, der konnte ebenso zum Solo-Star werden. So ist Bing Crosby als der Promi der populären Musik zwischen 1930 und 1950 gleichsam der Tin Pan Alley-Interpret schlechthin. Doch auch das Rat Pack gründete seinen Ruhm auf Songs der Tin Pan Alley-Zeit. Und eine Jazz-Stimme wie Ella Fitzgerald sang ihre Gershwin- und Porter-Songbooks. Das Ende der Tin Pan Alley-Zeit kam schließlich mit dem Rock'n'Roll. Mit ihm setzte sich die an eine Person und deren Aura verbundene Performance als unverzichtbares Verkaufsargument durch. Folglich spielen seit Elvis Presley Singles und Alben eine wesentlich wichtigere Rolle für die Verbreitung von Musik als Notenblätter. Die Konsequenz: Notenlesen gehört nicht mehr zu den Fähigkeiten, die es braucht, Popsongs zu hören.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Irving Caesar, Burton Lane, Johnny Mercer, Jerome Kern, Frank Christian, Jule Styne, Lerner & Loewe, Harry Warren

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Rodgers/ Hammerstein: The Sound Of Music [1959]
Carmen McRae: Great American Songbook [1972]
Cole Porter: The Song Is? Cole Porter [1990]
Bing Crosby: Bing Crosby [1991]
V.A.: Sidewalks Of New York - Tin Pan Alley [1999]
Irving Berlin: In Hollywood [2002]
Hoagy Carmichael: 1927 - 1939 [2002]
George Gershwin: 'S Wonderful [2003]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Let them entertain you (US-Entertainer), Die Tapete (Easy Listening) oder Die Entdeckung des Teenagers (Rock'n'Roll).