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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Star
Sonnen, um die sich alles dreht

 

Der Starkult in der Popmusik

Zu Beginn jeden Jahres herrscht wieder Tummelalarm: Popstars aus der ganzen Welt treten sich zwischen Echo- und Grammy-Galas auf die Füße. Zu sehen, wie selbst gestandene Businessmenschen im VIP-Bereich einen Robbie Williams bedingungslos anhimmeln: Da fällt einem wieder ein, wie sehr Popmusik von ihren Madonnas und Monroses und Elvissen lebt. Der Irrsinn beginnt in den 50ern und findet mit den Castingshows nur neue Formen. Der Superstar bleibt die Sonne, um die sich Popmusik dreht.

Eigentlich sollte der Star längst aus dem Pop verschwunden sein. Spätestens mit Punk beginnen Mitte der 70er Jahre die stürmischen Attacken auf den personifizierten Glamour. Erst später wird zunehmend klar, dass Die Punkband schlechthin, The Sex Pistols, selbst ein Produkt sind wie sonst jeder Star auch. Ein Alternativprodukt eben, ersonnen von Konzeptkünstler Malcolm McLaren und seiner damaligen Lebenspartnerin, der Modeschöpferin Vivienne Westwood.

McLaren und Westwood kennen sich eben aus in der Popgeschichte. Deshalb wissen sie, dass Musik viel viel mehr ist als nur Musik. Besonders im Fall der Popmusik kommt das Sichtbare hinzu: Frisuren, Körperhaltungen, Gehstile, Tanzarten, Mode. Und sogar das Unsichtbare spielt eine große, vielleicht die größte Rolle: Über Popmusik werden immer Stimmen, Sounds, aber auch soziale Werte vermittelt, die Anklang beim Publikum finden. So reicht es für einen guten Elvis-Imitator ja nicht, den Gesangston von der Brust abzurufen. Um zu klingen wie The King, muss man sich erst einmal in das schläfrige Bewusstsein des Jungen aus dem amerikanischen Süden versetzen.

Aus Wertevermittlung wird Lebensgefühl

Musik, das Sichtbare und das Unsichtbare: Was das für Möglichkeiten bietet, Zugangsweisen zum Superstar! Bei den Beatles ist es ja tatsächlich vor allem die Musik, bevor dann auch noch die Pilzköpfe als Identifikationsmerkmal hinzu kommen. Im Falle der Folk-Stars Dylan und Baez ist es dagegen von Anfang an eher das Unsichtbare, nämlich die politische Wertevermittlung, die das Publikum so sehr überzeugt und Ikonen entstehen lässt. Mit David Bowie und Iggy Pop geht dann bald einer den Federboa-, der andere den dreckigen Weg des Glamours: Zu Beginn der Siebziger Jahre strömt ein individueller Hedonismus als Konkurrenzmodell zum kollektivistischen Hippietum in die Popmusik.

Der wird im Laufe des Jahrzehnts immer mehr zu einem diffusen Lebensgefühl, lange nur als „Anti-Hippietum" greifbar. Als sich eben das Londoner Künstlerpärchen McLaren und Westwood in die Geschichte begibt. Ihr Coup besteht darin, vage Haltungen in eindeutige Bilder zu packen. Punk kann zu ihrer Zeit sehr viel bedeuten, doch The Sex Pistols schaffen es mit ihrem Image, die Medienberichterstattung über Punk an sich zu binden.

Einen Star miterschaffen

Dennoch setzen sich in den 80ern auch die Anti-Impulse des Punk fort: Im Straight Edge Hardcore etwa, dessen Bands wie Fugazi die Abstinenz von Drogen, Mode, mitunter sogar Sex propagieren und jegliche Starwerdung vermeiden möchten. Die Musik soll im Vordergrund stehen, die Musik als Stifterin eines Zusammenhalts der Jugend gegen Oberfläche und Kapitalinteresse. Das Starsystem der Popmusik symbolisiert da ganz das Gegenteil. Deshalb versucht auch die nächste beliebte Musik, die im Tanzen den Zusammenhalt der Jugend gestiftet sieht, dieses Starsystem zu vermeiden: Techno. Doch auch das funktioniert nicht. Techno wird im Laufe der 90er Jahre nicht nur brutal kommerzialisiert und findet in seiner Chartsform große Sterne wie das Hamburger Trio Scooter, sondern: Auch Leute wie Westbam und Sven Väth, die brillant deejayen und auch sonst noch schillern, können das Medieninteresse nicht von ihren Personen abkoppeln.

Zudem ist zu Zeiten von Techno längst das Musikfernsehen in die Welt eingezogen und braucht Bilder. Das schafft neue Stars wie Michael Jackson und Madonna, die mit ihren Videos auf Diskussionen setzen, diese auch tatsächlich auslösen und so zu Stars der Gesamtkunstwerksproduktion empor steigen. Das schafft ebenso neue Möglichkeiten für die Erfinder von Boy Bands und Girl Groups: Der Videoclip ist das ideale Transportmittel für Bananarama Mitte, Take That Ende der Achtziger und die Spice Girls Mitte der Neunziger Jahre. Die Rotation auf MTV macht schließlich Stars, und das merkt eine US-Undergroundband im Sommer 1991: Smells Like Teen Spirit von Nirvana läuft auf einmal in der Heavy Rotation des Senders, und das Album Nevermind geht weltweit auf die Eins der Charts. Als sich Sänger Kurt Cobain drei Jahre später selbst tötet, geht er in die Reihe der Totenkult auslösenden Stars ein.

Einen toten Star hat man immer für sich allein, doch einen gewählten Star schafft man sogar ein Stück weit selbst: So funktionieren die interaktiven TV-Shows, von denen 2000 die RTL2-Show „Popstars" den Anfang für Deutschland macht. Immense Quoten, rasende Verkaufszahlen für die aus der Show resultierenden No Angels - Deutschland sucht den Superstar, findet Monrose und wählt dabei immer auch sich selbst. So befriedigt Casting TV den Wunsch nach Stars wie das kleine bisschen Eitelkeit des Publikums.
(cb)

Weitere Superstars sind:

Britney Spears, Bob Marley, Jennifer Lopez, Rolling Stones, Bro'Sis, Kylie Minogue

Einige Schlüsselalben von Superstars sind:

Elvis Presley: Elvis Presley [1956]
The Beatles: A Hard Day's Night [1964]
Michael Jackson: Thriller [1982]
Nirvana: Nevermind [1991]
Madonna: Erotica [1992]
Spice Girls: Spice [1996]
Robbie Williams: Sing When You're Winning [2000]
Monrose: Temptation [2006]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Hysterie mit Kuscheltieren (Boy Bands, Girl Groups), …und dann kam Nicole (Eurovision Song Contest in Deutschland) oder Das kann ich auch (Karaoke).