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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Liedermacher
Burg Waldeck und die Gegenöffentlichkeit

 

Liedermacher in BRD, DDR und danach

Mit der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann das Liedermachertum auch an einen eigenen historischen Strang anknüpfen. Allerdings rücken Franz Josef Degenhardt und Reinhard Mey erst in jenen Jahren in das Zentrum der Wahrnehmung, als die US-amerikanischen Folk-SängerInnen für eine Politisierung von Popmusik sorgen. In der DDR sind es etwa Wolf Biermann und später Gerhard Schöne, die mit ihren Liedern ein Forum der Gegenöffentlichkeit bieten möchten.

Ab dem Ende der 50er Jahre politisiert sich die Popkultur. In den USA sind es Woodie Guthrie und Pete Seeger, die im New Yorker Greenwhich Village das Zentrum einer neuen Bewegung bilden: Folk. Zu Traditionals, also überliefertem Liedgut, schreiben diese Singer/Songwriter neue Texte. Darin wird der Materialismus, aber auch die Kriegsbereitschaft der US-amerikanischen Gesellschaft angegriffen. Bob Dylan und Joan Baez werden weltweit als Protagonisten dieses agitatorischen, friedensbewegten Folk bekannt.

Selbst machen

In den 60er Jahren tauchen auch in DDR und BRD die Singer/Songwriter auf: „Liedermacher" werden sie hier genannt. Ein Liedermacher macht, ebenso wie die Liedermacherin, das Lied in mehrfacher Hinsicht selbst: schreibt die Texte, schreibt die Melodien, und macht auch die Musik dazu, singt also selbst und begleitet sich dazu an Gitarre oder Klavier und Keyboard. Keine Show, keine Band soll von den Aussagen des Liedermachers ablenken, das Lied ist dabei eher Transportmittel für die soziale, politische oder philosophische Aussage denn Selbstzweck.

Das Lied - historisch ein lyrischer Text, der dazu bestimmt ist, gesungen zu werden - hat nun die Aufgabe, das kritische, das politische Bewusstsein zu transportieren. Besonders in der DDR, wo Medien und Musikbetrieb unter strenger staatlicher Kontrolle stehen, erfüllt es damit die Funktion, der Gegenöffentlichkeit ein Forum bereit zu stellen. Prominent wird besonders Wolf Biermann durch seine unfreiwillige Ausbürgerung aus dem Arbeiter- und Bauernstaat.

Am 13. November 1976 beginnt Wolf Biermann eine Konzertreise durch die BRD in Köln. Dieses Gastspiel nutzt die Regierung der DDR aus und verweist ihn drei Tage später des Landes - wegen „grober Verletzung seiner staatsbürgerlichen Pflichten". Biermann hatte zuvor jahrelang das System des real existierenden Sozialismus kritisiert. Er bediente sich dabei Live-Shows und Platten wie etwa der 1969 veröffentlichten Liedersammlung „Chausseestraße 131"; das Vorhaben, in Berlin ein eigenes Kino zu eröffnen, wurde vom Staat vereitelt.

Die Ausweisung Biermann zieht in Osten und Westen weite Kreise. Als sich KünstlerInnen und Intellektuelle als nicht einverstanden mit dem Vorgehen der DDR zeigen, wird eine Ausreisewelle prominenter DDR-BürgerInnen in Gang gesetzt. Der Schriftsteller Jurek Becker wie auch der Soul-Sänger und Schauspieler Manfred Krug gehören zu den Ausreisewilligen, deren Wunsch erfüllt wird.

Eine Burg mit Tradition

Fünf Jahre nach Antritt der Regierung Honecker aber bleibt der Staat hart gegen jedes Aufbegehren der Kulturschaffenden. Diese Einstellung des Staates trägt mit dazu bei, dass sich gerade um das Liedermachertum, um explizit politische wie einen Stefan Krawzcyk, aber auch den „sanften", christlich motivierten Gerhard Schöne ein politischer Untergrund sammelt. Aus diesem gehen Ende der 80er Jahre einige einflussreiche Teile der Opposition hervor, die letztlich das Ende der DDR erwirkt. Auch in der BRD verstehen sich einige Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader einer regimekritischen Bewegung verbunden: der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich im Zuge der Studentenproteste formiert hat. Zur gleichen Zeit zeigen aber auch Liedermacher wie Reinhard Mey, dass Liederschreiben auch ein einfaches Instrument der Unterhaltung sein kann: Mey zeichnet lieber Landidyllen und hat damit bis heute großen kommerziellen Erfolg.

All diese Liedermacher kennen sich vom Festival „Chanson Folklore International", das 1964 erstmals auf der Burg Waldeck im Hunsrück organisiert wird. Es findet deshalb bei einem solch breiten Spektrum von KünstlerInnen Beachtung, weil die Burg bereits in den 20er Jahren ein Treffpunkt von Wandervögeln gewesen ist. Diese Wandervögel werden auch als „erste musikalische Jugendbewegung in Deutschland" bezeichnet, da sie das Ideal des durch-die-Weltziehens propagierte, mit Musik als Stimulans.

Nach dem Fall der Mauer hätte man mit einer Renaissance der Liedermacher rechnen können, waren die Zeiten doch politisch bewegt. Doch wird das Lied zunächst an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit geschoben, die Dynamik neuer Produktionstechnologien schafft die heißeren ästhetischen Bewegungen, allen voran Techno. Anfang der 00er Jahre allerdings setzt mit Phänomenen wie dem Anti-Folk in New York (Moldy Peaches) und den neuen Rockbands (Strokes) ein Revival des Songs und wohl auch des Liedes ins Haus. Bis dahin bleiben aus den 90ern die Großtaten von Bernd Begemann, Funny van Dannen und PeterLicht.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Konstantin Wecker, Walter Moßmann, Georg Kreissler, Klaus Hoffmann, Joana,Werner Lämmerhirt, Jens Friebe

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Franz Josef Degenhardt: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern [1965]
Reinhard Mey: Ankomme Freitag, den 13. [1968]
Wolf Biermann: Chausseestraße 131 [1969]
Hannes Wader: 7 Lieder [1972]
Bettina Wegner: Sind so kleine Hände [1979]
Gerhard Schöne: Lebenszeichen [1989]
Gerhard Gundermann: Männer, Frauen und Maschinen [1994]
Funny van Dannen: Clubsongs [1995]

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