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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Italo Pop
Die Capri-Fischer ziehen über die Alpen

 

Italo-Pop und der deutsch-italienische Musikaustausch

Nach dem Zweiten Weltkrieg sehnt sich die BRD nach der Sonne Italiens. Davon künden Schlager-Hits wie "Capri-Fischer". Mit den „Gastarbeitern" aber zieht die personifizierte Gewissheit nach Deutschland, dass auch die Verhältnisse dort eher unparadiesisch sind. Die Einwanderer aus Italien bringen Stars wie Adriano Celentano mit. In den 80er Jahren blüht Pop aus Italien mit den Stimmen von Al Bano & Romina Power oder Ricchi e Poveri so richtig auf. Italo Dance kommt in Mode.

Als die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört und im Sinnvakuum danieder liegt, macht sich eine Grundstimmung breit: Überall ist es besser als hier. Prompt artikuliert der Schlager dieses Fernweh. Ralph Maria Siegel, Vater von Ralph Siegel jun., schreibt mit den Capri-Fischern einen der bis heute besonders beliebten Schlager. Sein Interpret Rudi Schuricke kuschelt sich mit weiteren Titeln wie Bella Venzia oder Abends in Napoli voll in die Italia-Romantik ein.

Doch außer dem Klima zeigen sich die Verhältnisse jenseits der Alpen genau wie in der BRD alles andere als sanft. Besonders der Süden leidet unter einer schwachen Infrastruktur. Und so verlassen etliche Einwohner Apuliens, Basilicatas, Kalabriens sowie der Inseln Sizilien und Sardinien ihr Zuhause, als die BRD 1955 ein Abkommen mit Italien vereinbart. Die Wirtschaft der Bundesrepublik braucht Arbeitskräfte für den Konjunkturaufschwung, „Gastarbeiter" werden vermittelt. Gleichzeitig können es sich die ersten Westdeutschen leisten in Urlaub zu fahren: Eine Dynamik kommt in Schwung, die erste Italo-Hits in hiesigen Radios erklingen lässt. Dazu gehören Volare und O Sole Mio.

Ein weiterer Hort der Popmusik sorgt da für einen weitaus regeren Austausch zwischen den Charts beider Länder: Die Disco, in diesem Fall speziell die Großraumdisco. Das Produzententeam Mauro Farina und Giuliano Crivelente schafft seit Ende der Siebziger Jahre eine sehr eingängige, melodiöse Form von Disco. Mit Titeln wie Toc Toc Toc von Miko Mission und Acts wie Radiorama sorgen sie für die Belle Epoque von Italo Disco zwischen grob 1981 und 1985.

In ganz Europa, in Asien und den USA wird Italo Disco schnell zum Synonym für den Chart-Pop dieser Zeit. Das beweisen die Verkaufserfolge von Disco Band, Tarzan Boy oder Vamos A La Playa. Allerdings geht es den Interpreten jener Hits ähnlich wie Ryan Paris und Gazebo: Sie kommen kaum über diesen einen Chart-Topper hinaus. Von Dieter Bohlens Projekt Modern Talking kann man das nicht behaupten - auch der Produzent und sein Sänger Thomas Anders klingen deutlich italo-inspiriert.

Die Italo Disco-Giganten Farina und Crivelente tun sich 1986 mit dem deutschen Florian Fadinger zusammen. Der hat im gleichen Jahr einen Hit mit seinem Avant-Italo-Track "Electrica Salsa". Projektname ist Off und die Stimme des Gaga-Textes ("Aha Aha/Mhmm Mhmm") singt ein junger Mann mit Namen Sven Väth. Die Acts, die Fadinger gemeinsam mit Farina und Crivelente rausbringt, schaffen es vor allem in Japan zu enormer Fanbewunderung. Mit dem Hype ist es vorbei, als in England gegen Ende des Jahrzehnts die ersten Elefantenjeans auftauchen und Acieeed! schreien.

Damit bleiben die Achtziger Jahre bis zur Gegenwart das zweite große Jahrzehnt des deutsch-italienischen Popaustausches nach den Fünfzigern. Denn in den Eighties erlebt Italien generell einen Boom in der BRD: Popper fahren wieder Vespa und tragen die italienischen Modemarken Pash und Benetton. Und neben den Italo-Disco-Acts zeigt sich auch der italienische Schlager großer Beliebtheit. Die Sieger des größten Schlagerfestivals im Süden, das seit 1952 jährlich in San Remo statt findet und ein Vorläufer des Ricchi e Poveri sowie Al Bano & Romina Power.

Im Nachwende-Deutschland schaffen es Italo-Mainstream-Rocker und -Schmusepopper immer wieder mal, in Wetten, dass....? aufzutreten und Echos einzuheimsen: Toto Cutugno, Zucchero, Eros Ramazzotti und Gianna Nannini sind derzeit die bekanntesten unter ihnen. Die Kölner Whirlpool Productions schließlich reisen 1996 etwas komfortabler durch Italien als die ersten deutschen Touristen in den 50ern. Ihr From: Disco To: Disco wird dort Nr. 1 in den Charts. Und Whirlpool Productions lassen sich mit der Stretch-Limousine vom Radiosender zum Auftrittsort kutschieren.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Elisa, Mina, Umberto Tozzi, Pino Daniele, Ken Laszlo, Raffaele Riefoli, Luca Carboni, Laura Pausini, Articolo 31

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Adriano Celentano: Il Raggazo Della Via Gluck [1965]
Al Bano & Romina Power: Felicita [1982]
OFF: Organisation For Fun [1986]
Jovanotti: Lorenzo 1994 [1994]
Eros Ramazzotti: Eros [1997]
Ricchi E Poveri: Piccolo Amore [1997]
Verschiedene: Italo Dance Classics [1999]
Verschiedene: Il Canto Di Malavita (La Musica Della Mafia) [2000]
Radiorama: Best Of Radiorama [2001]
Verschiedene: Best Of San Remo Festival [2002]

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