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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

French Pop
Ye-ye!

 

...heißt „Yeah yeah!": Pop in Frankreich

Während in der Nachkriegszeit die Bundesrepublik Deutschland dank G.I.-Präsenz den Rock'n'Roll importiert, ist der Bruch zu der Zeit vor dem 2. Weltkrieg in Frankreich weniger ausgeprägt. So ist das Chanson selbst dann noch deutlich in der Popmusik Frankreichs hörbar, als Serge Gainsbourg und die Ye-Ye-Mädchen Françoise Hardy oder France Gall mit Bubblegum-Pop auftauchen. Inzwischen gilt Elektronisches von Air und Daft Punk als Definition von französisch. Und das Chanson ist präsent wie eh und je.

Mit vergleichsweise wenig Tamtam hält in Frankreich der Rock'n'Roll Einzug. Denn während rechts vom Rhein die Krauts mit den Ami-Besatzern zu Bill Haley twisten, bleibt auf der anderen Seite der Chanson auch nach dem 2. Weltkrieg tonangebend. Bis heute ist er nicht wegzudenken aus der Popkultur Frankreichs. Bereits der Blick auf Le Pop, eine aktuelle Compilation zur "Neuen Französischen Szene", zeigt den prägenden Einfluss der Tradition.

Yann Tiersen findet sich hier, der mit dem Amélie-Soundtrack auch hierzulande seine Zustimmung fand. Den Applaus gab es für heiter-melancholische Lieder in der Instrumentierung des Chansons, wie es Charles Trenet bereits Ende der 30er Jahre sang: Akkordeon, Piano und Streicher bieten da eine ganze Oper in zweieinhalb Minuten. Zum Theatralischen neigt auch der Gesang eines Dominique A., einem der Köpfe der auf Le Pop versammelten Sänger/Songschreiber-Bewegung "Nouvelle Scène Française". Und auch wo es weniger um den ernsthaften Song mit Indieband-Unterstützung geht als um Retro-Zitate, ist der Chanson nicht weit: Bertrand Burgalat, Katerine und Benjamin Biolay lagern in ihre Break- und Bossabeats Streicher und Orgeln aus den Sechziger Jahren ein.

Große Duette

In diesen Sixties sind Serge Gainsbourg und Jacques Dutronc unverzichtbare Namen. Neben Interpretationen eigener Chansons, darunter so große Duette wie Je T' Aime mit Jane Birkin, schreibt Gainsbourg auch für Andere. Diese Anderen trällern meist in Kulleraugen-Stimmen. France Gall , Sylvie Vartan und Brigitte Bardot klingen wie Minnie Mouse und bestimmt nicht nach den Stones. Da in ihren Quietsch-Kollagen an Songs aber auch Rock'n'Roll-Gitarren integriert werden, gelten sie als erster großer Rock-Hype Frankreichs. Deshalb werden sie unter einem Begriff zusammen gefasst, der einfach "Yeah Yeah" ins Französische überträgt: Diese Mädchen sind die Ye-Yes. Das Spiel mit Lolita-Klischees taucht seit der Ye-Ye-Zeit immer mal wieder auf in Frankreich (Alizée!).

Jacques Dutronc ist neben Gainsbourg der zweite große Nonkonformist der Ye-Ye-Zeit. In seinen Texten gibt er sich so anti-kommunistisch, wie er gegen den Minirock wettert. Auch in seinem größten Hit gibt Dutronc den Individualisten: "Et Moi, Et Moi, Et Moi" („Und ich, und ich, und ich"). Als er die Ye-Ye-Sängerin Françoise Hardy heiratet, haben die Sixties in Frankreich ein Pop-Super-Pärchen gefunden.

Die Musik der Immigrantenkinder

Doch auch das Ikonen-Duo kann die dann folgende Durststrecke nicht verhindern. Denn die 70er und frühen 80er Jahre dürfen in Anbetracht der damals international schwindenden Bedeutung von Pop aus Frankreich getrost vernachlässigt werden. Allenfalls taucht mit Plastic Bertrand ein Fake-Punk auf, dessen Playmobil-Sound noch heute in Bands wie den Berlinern Stereo Total weiterlebt. Und mit Les Rita Mitsouko hat Frankreich die eine, große New Wave-Band der 80er.

Erst als das Land die Musik seiner Immigranten aus den ehemaligen Kolonien Afrikas entdeckt, hört auch die übrige Welt wieder Musik aus Frankreich. Youssou N'Dour, Cheb Mami und Khaled sind bis heute die großen Stars jener Sorte Pop. In ihr geht Folklore in den Sounds des Mainstream-Pop auf. Auch der französische HipHop wird von Immigrantenkindern vorangetrieben, darunter die großen Stars Iam aus Marseille und MC Solaar aus Paris.

Als der französische Staat in den Neunzigern eine Quotenregelung für den Anteil französischer Popmusik in Radio und TV einführt, profitieren die HipHopper ganz besonders davon. Heute blickt Frankreich auf den zweitgrößten Markt für Rap nach den USA. Als Synonym für Pop aus Frankreich gelten inzwischen jedoch House und elektronische Musik. Daft Punk, Motorbass und Cassius entwickeln Mitte der Neunziger in Paris jenen House-Stil, der in den Clubs genauso funktioniert wie in den Hitparaden. Und Air, die inzwischen eine Art Fantasy-Hörspiel-Elektro produzieren, dürfen auf das Album Moon Safari aus dem Jahr 1998 stolz sein. Darauf scheppern Gitarren twang! wie bei Dutronc, schieben sich Beats so lasziv voran wie in Gainsbourgs Eros-Funk. Und klingen Synthesizer so schwelgerisch wie die Streicher in den Chansons einer Juliette Gréco. Nein, ob Le Pop oder sonstige Popmusik in Frankreich: Man kommt halt nicht herum um den Chanson.

Weitere Meister dieser Strömung sind

Mirwais, Laurent Garnier, Manu Chao, Les Negresses Vertes, Francoiz Breut , Etienne Daho, Michel Polnareff, Renaud, Johnny Hallyday

Schlüsselalben des französischen Pop

Serge Gainsourg: L' Etonnant Serge Gainsbourg [1961]
Jacques Dutronc: Les Cactus [1966]
Les Rita Mitsouko: The No Comprendo [1987]
France Gall: Poupée De Son [1993]
Air: Moon Safari [1998]
Françoise Hardy: The Vogue Years [2001]
Manu Chao: Proxima Estacion Esperanza [2001]
Diverse: Le Pop [2002]

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