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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Evergreen
Das Gedächtnis des Schlagers

 

Evergreens erzählen Geschichte

Mitsingen muss man müssen. Wie etwa im Fall des Nachkriegsschlagers schlechthin, den "Capri Fischern". Das Meer als Sinnbild des Überzeitigen spielt auch seine Rolle in dem Lied, von dem weltweit wohl die meisten Versionen existieren:"La Paloma". Dass ein Hans Albers das Lied in Deutschland so richtig groß machen konnte, verweist auf einen weiteren Evergreen-Faktor: den Interpreten oder die Interpretin. Sie oder er sollten schon ein Sinnbild sein ihrer Zeit.

O Sole Mio, Sta 'nfronte A Te...: Auch so ein Evergreen, und ein typischer dazu. Ein Starsänger hat diesem Lied zu Ruhm verholfen, damit auch zu vielen, vielen Coverversionen. Bis heute singen Millionen Menschen weltweit diesen Refrain in einem Aushilfs- oder Fantasie-Italienisch, ohne weiteres über seine Entstehung zu wissen. Geschweige denn etwas darüber, wer dieses Lied überhaupt geschrieben hat.

Eduardo di Capua war's. Er vermisste, im Jahr 1898 unterwegs auf einer beschwerlichen Reise durch die Ukraine, sein Zuhause: die aufgehende Sonne über der Bucht von Neapel. Und schrieb sie sich in diesem Lied einfach herbei. Damit traf er offenbar ein Bedürfnis vieler: O Sole Mio erlangte den Status eines italienischen Volksliedes, allerdings mit gehöriger Verspätung. Der vielleicht größte Tenor überhaupt, Enrico Caruso, schmetterte es ebenso wie gut fünfzig Jahre später Elvis. Und Peter Alexander.

Dass der Komponist di Capua und sein Texter Giovanni Capurro in Armut starben, füttert dieses Lied auch noch mit Legenden-Stoff aus. Erst zwanzig Jahre nach der Entstehung nämlich nahm die Evergreen-Werdung von O Sole Mio ihren Lauf. Zur Siegerehrung während der Olympischen Spiele von 1920 hatte der Dirigent die Partitur des Italienischen Königsmarsches vergessen. Also ließ er etwas spielen, was er mit Italien assoziierte. 40.000 im Stadion von Antwerpen hörten zu.

Süßliche Melancholien

Das wohl meist interpretierte Lied überhaupt weist erstaunlich viele Parallelen mit der Edelschnulze O Sole Mio auf. Denn auch La Paloma schwelgt in seinen Harmonien durch süßliche Melancholien. Auch dieses Lied handelt von Trennung, von den Gestirnen und dem Meer. Und auch sein Verfasser, der 1809 im Baskenland geborene Sebastián de Yradier y Salaverri, hatte im Jahr seines Todes 1865 keine Ahnung davon, was er mit dem Lied alles auslösen würde. Vier Jahre zuvor hatte er diese Habanera geschrieben. Ein Gehversuch nur, man kann es ja mal probieren, sich die Tänze des selbst gewählten Exils anzueignen.

Doch schon Mitte der 1860er wird La Paloma ins Französische und ins Deutsche übersetzt. In Mexiko wird La Paloma zum Lied des Aufstandes gegen Erzherzog Maximilian von Österreich, der sich 1863 zum Kaiser von Mexiko ernannt hatte. Für seine Carmen lässt sich ein George Bizet von La Paloma „inspirieren", es ist nachzuhören in der Arie Habanera. Durch die Varietés der 20er Jahre wird La Paloma schließlich auch in jenen Schichten Europas bekannt, die sich die Oper nicht leisten können. Spätestens mit den Shanty-Interpreten Hans Albers und Freddy Quinn gehört das Lied auch in Deutschland zu den Immergrünen. Es ist in einer Umfrage der ARD im Jahr 2003 noch vor Yesterday und Lili Marleen zum Lied des Jahrhunderts gewählt worden.

Idole ihrer Zeit

Die letztgenannten Evergreens zeigen einen weiteren Umstand, der aus einem Lied einen Datenträger des kulturellen Gedächtnisses macht. Diese beiden Songs werden in ihren bekanntesten Versionen von Idolen ihrer Zeit gesungen, einer für die jeweilige Generation prägende Zeit: Lale Andersen sang im Zweiten Weltkrieg, die Beatles in der Stimmung des Aufbruchs Mitte der 60er Jahre. Und zwar gerade des Aufbruchs, der sich auch gegen eine bundesrepublikanische Gesellschaft stellte, die ihre Nazi-Vergangenheit noch nicht verarbeitet hatte. Gegen die Lili Marleen-Gesellschaft also, denn Lili Marleen, das war der Gassenhauer der Frontsoldaten, der vom NSDAP-Regime auch als Durchhalte-Propaganda benutzt wurde.

Deshalb sang die große, in die USA emigrierte Evergreen-Interpretin Marlene Dietrich auch lieber den Mancini-Klassiker Moon River. Und wer sich nach dem 2. Weltkrieg in Hollywood aufhielt wie sie, der brauchte sich nicht wie das Nachkriegsdeutschland nach Sonne und Meer zu sehnen. Wovon die Capri Fischer als der Nachkriegsschlager schlechthin bis heute Auskunft geben.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Nana Mouskouri, Vico Torriani, Zarah Leander, Ilse Werner, Karel Gott, Hildegard Knef, Die Fischer Chöre

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

Hans Albers: Der blonde Hans [1989]
Marlene Dietrich: Das Marlene Dietrich Album [1991]
Verschiedene: La Paloma - One Song For All World [1995]
Verschiedene: Evergreens der Filmgeschichte [1998]
Enrico Caruso: Canzoni Italiane [2001]
Irving Berlin: In Hollywood [2002]
Rudi Schuricke: Abends in Napoli [2002]
Verschiedene: Erinnerst Du Dich Noch? Die 165 schönsten Evergreens [2003]

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