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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Easy Listening
Die Tapete

 

Musik einer neuen Relax-Kultur: Easy Listening

Das Schlagwort vom "Leichten Hören" beschreibt so unterschiedliche Musik wie die Schnulzen eines Frank Sinatra und Perry Como oder die Filmmusiken von Lalo Schifrin und Henry Mancini. Außerdem umfasst er für Bar, Lounge und Wohnzimmer produzierte Musik, die besonders in den 50er und 60er Jahren ein Faible fürs Exotische aufweist: Yma Sumac stilisiert sich als Inka-Prinzessin, Les Baxter führt das irre Schwingen des Theremin in die Musik ein, während Wendy Carlos alte Bach-Fugen per Moog-Synthesizer ins Weltraum-Zeitalter schickt.

Ein riesiger Komplex, wuchernd vor Musikstilen, durch die Zeitläufe überquellend vor Bedeutungen ist der Begriff "Easy Listening". Benannt ist das Genre nach seiner Funktion, die sich knapp so skizzieren lässt: Ausruhen von der harten Arbeit an der Zukunft. Denn die USA der 50er Jahre erleben eine Zeit des Wohlstandes, die geknüpft ist an immer neue technologische Entwicklungen. Die Autos werden größer, das Weltall schon mal in Augenschein genommen - bevor 1968 der Mond bereist wird.

Wo eine Gesellschaft mit Gewinn arbeitet, da kultiviert sie auch neue Formen des Erholens. Die USA der 50er und 60er Jahre beginnen in Massen, pazifische Inseln wie Hawaii für einen Urlaub aufzusuchen. Für die Gesellschaftsräume stilvoller Hotels entwirft der Designer Charles Eames 1955 eigens einen Stuhl: Der "Lounge Chair" mit Lederpolster und Metallfuß symbolisiert die neue Relax-Kultur.

Das "Leichte Hören" umfasst allerdings weitaus mehr. So entwickelt der Swing-Arrangeur Les Baxter eine neuartige Musik, die afrikanische und südamerikanische Rhythmik, polynesische Instrumentierung und neuartige Instrumente miteinander vereint. So war sein 1948 erscheinendes "Music Out Of The Moon"-Album das erste überhaupt, auf der ein Theremin zu hören war, jener säuselnde Klanggeber, dessen Ton im elektrischen Feld zwischen zwei Antennen mit der Hand erzeugt wird. Exotica wird diese stilprägende Musik später genannt, und sie übt ihren Einfluss stark auf die Henry Mancini bis weit in die Siebziger Jahre aus.

Ob im Wohnzimmer oder in der Lounge auf Geschäfts- oder Privatreise, diese Kultur braucht ihre Musik. Sie muss eigentlich keinen anderen Kriterien genügen als dem, nicht anzustrengen. "Easy Listening" ist Musik für den Hintergrund; Musik mit der Funktion einer Tapete - man bemerkt sie nur, wenn sie nicht da ist. Die Schnulzen bekannter Entertainer wie Frank Sinatra, Perry Como und Sammy Davis Jr. sind also "Easy Listening", und niemand Anderer als Elvis Presley belegt die Top-Position in den Spezial-Charts der 60er Jahre, die 1961 unter dem Begriff "Easy Listening" eingeführt worden sind.

Die Quelle vieler Samples

Die Begeisterung für eine erfundene "Exotik" nutzt kaum jemand für die visuelle Performance so sehr aus wie Yma Sumac. Bei der gerne als "Queen Of Exotica" titulierten Sumac stimmt schon die biografische Legende. Denn sie lässt in die Welt setzen, sie sei eine Prinzessin, sogar eine der "Goldenen Jungfrauen" aus der Inka-Mythologie. Aus der frühen Hochkultur lässt sie sich auch für Kostüm und Make-Up inspirieren, und ihre Songs sind größtenteils für den US-amerikanischen Markt neu arrangierte, traditionelle Lieder aus Süd-Amerika, teils dem Gut der Inka entnommen.

Es ist jener Zug zum Schrillen, der im Revival des Easy Listening in den Neunziger Jahren so fetischisiert wird. Da wird die "Incredibly Strange Music" (so der Name eines Compilation-Labels) von Esquivel und Wendy Carlos wieder entdeckt, und in den ganz mutigen Lounges werden sogar Burt Bacharach, James Last und Richard Clayderman wieder aufgelegt. Dazu entsteht aus Jazz-Harmonien, gerader Bassdrum und Samples aus Easy Listening-Musik sogar eine neue Musikkultur des Loungens. Im Lexikon-Eintrag zu Lalo Schifrin läßt sich exemplarisch lesen, welchen Einfluss einige Komponisten des Easy Listening auf die Sample-freudige Zeit gehabt haben.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Guy Lombardo, Sir Julian, Ray Connif, Herb Alpert, Percy Faith, Arthur Lyman, Sergio Mendes, Eden Ahbez

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Les Baxter: Ritual Of The Savage [1952]
Yma Sumac: Mambo [1954]
Wendy Carlos: Switched On [1968]
Lalo Schifrin: Black Widow [1976]
V.A.: Mondo Exotica [1996]
Esquivel: Loungecore [2001]
Burt Bacharach: Moods [2004]
Denny Martin: The Exotic Sounds Of Denny Martin [2004]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Spiel mir das Lied zum Film (Filmkompositionen) oder Let them entertain you (US-Entertainer).