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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Castingshow
Nur eine Modeerscheinung?

 

Der Boom der Musik-Castingshows

Seit Detlef „D!" Soost in der Pro 7-Serie „Popstars" die No Angels zu einer Show- und Gesangstruppe formte, haben die TV-Sender einen neuen Lieblingsmarkt. Mit immer neuen Traumquoten konkurrierten von da an junge Sänger und Sängerinnen um eine güldene Zukunft. Mit Deutschland sucht den Superstar um Dieter Bohlen ist der bisherige Aufmerksamkeitsrekord erreicht; neue Konzepte wie “Star Search" auf Sat 1 oder “Die deutsche Stimme 2003" im ZDF gehen in den Wettbewerb. Alles nur Modeerscheinung oder tiefgreifende Veränderung im Popgeschäft?

Wer kann sich so etwas schon leisten: Mitten auf Tour verkündet Dieter Bohlen am 07. Juni 2003 in Rostock das Ende von Modern Talking. Etliche Termine liegen noch vor dem Duo, das der Produzent gemeinsam mit Sänger Thomas Anders bildete. In so einem Fall müssen Ausfallsummen für die Konzertveranstalter hingeblättert werden, die nicht ohne sind. Von Thomas Anders kam auch prompt die Äußerung, vom Zeitpunkt der Trennung überrascht gewesen zu sein.

Nun, wenn sich ein deutscher Musikproduzent derartiges leisten kann, dann Bohlen. Bereits in den 80er Jahren hat er sich mit Modern Talking ein goldenes Näschen verdient. Mit der RTL-Serie Deutschland sucht den Superstar allerdings dürfte er diesen Reichtum beträchtlich vermehrt haben. Bereits die im Februar 2003 veröffentlichte LP United wurde mehrfach mit Platin ausgezeichnet.

Und das war ja noch vor dem großen Finale. Nach dem Duell zeigte sich: Das Konzept einer Musikcastingshow mit prominenter Beteiligung geht vollends auf. Die Alben und Singles von Herzchen Daniel Küblböck und Sieger Alexander Klaws landen regelmäßige Top-Platzierungen in den Charts. Musical-Sängerin Juliette Schoppmann baut ihre Karriere etwas langsamer auf, indem sie auf Songwriting und Produktion von Bohlen verzichtet.

Deutschland sucht den Superstar ist dabei nur die bisher erfolgreichste, nicht die erste Musik-Castingshow in Deutschland. Den Anfang machte "Popstars" auf RTL 2 im Jahr 2000. Aus gut 5000 Bewerberinnen wurde hier eine Girl Group geformt. Das Anziehende dieser Serie war - und ist: im Herbst 2003 wird sie fortgesetzt - das Bloßlegen aller Mechanismen der Star-Industrie als Ehrgeiz-Maschine. Kurz: Das Abstoßende ist das Anziehende. Vor der Öffentlichkeit müssen sich junge Menschen die Arroganz so genannter Experten und Expertinnen gefallen, sich beurteilen lassen wie ein Pferd auf dem Markt. Das befriedigt weniger ein voyeuristisches Bedürfnis im Publikum als dass darin ein Trost liegt: Schau her, es geht doch allen so.

Die No Angels gingen aus dieser Serie hervor, und aus der zweiten Staffel schließlich die Boygirlgroup Bro'Sis. Mittlerweile schießen neue Konzepte nur so aus dem Boden. Das ZDF sucht im Herbst 2003 erstmals "Die deutsche Stimme". Einschränkung gegenüber dem Deutschland sucht den Superstar-Konzept ist hier lediglich, dass alle Texte in deutscher Sprache gesungen werden.

RTL 2 hat zwar die dritte "Popstars"-Staffel an Pro 7 verloren, widmet sich dafür ab September der "Fame Academy"- hier gibt es keine auffälligen Unterschiede zur No Angels- und Bro'Sis-Serie. Auch MTV besinnt sich und sendet nach "Making The Band" - einer Serie, aus der die Boyband O-Town hervor gegangen ist - den Nachfolger "The Making Of A HipHop Band". Darin castet P. Diddy MCs, DJs und Instrumentalisten.

Mit der Sat1-Serie "Star Search" schließlich taucht die Frage auf, warum die Castingshows hierzulande erst so spät ins Fernsehen kamen. Denn das US-amerikanische Original hat seit 1983 etliche Stars hervor gebracht, manche sogar mit hörenswerter Musik wie etwa Aaliyah. Auch Justin Timberlake erlebte hier frühe Auftritte. Im Alter von 11 Jahren sang er einen Countrysong, schied jedoch gegen seine Duell-Konkurrentin aus.

Berücksichtigt man, wie sehr Pop ein visuelles Medium geworden ist, dann kann der Erfolg der Castingshows nicht verwundern. Daher bleibt auch zu vermuten, dass Castingshows zumindest für einige Jahre ein Medium der Starproduktion bleiben werden. Denn die Trostfunktion für das Publikum ist nicht zu unterschätzen: Gut, dass du zuhause sitzt und das hier nicht persönlich erlebst.

Weitere Stars aus Castingshows sind:

Alanis Morissette, Will Young, Gareth Gates, Vanessa, Usher, Destiny's Child, Christina Aguilera

Einige Schlüsselalben aus Castingshows sind:

Alanis Morissette: Jagged Little Pill [1995]
Aaliyah: One In A Million [1996]
Destiny's Child: Destiny's Child [1998]
No Angels: Elle'ments [2001]
Bro'Sis: Never Forget (Where You Come From) [2002]
Alexander: Take Your Chance [2003]
Daniel Küblböck: Positive Energie [2003]
Deutschland Sucht den Superstar: United [2003]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Hysterie mit Kuscheltieren (Boy Bands, Girl Groups), Wen sucht Deutschland? (Stars) oder …und dann kam Nicole (Eurovision Song Contest in Deutschland).