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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Nu Metal
Psychedelische Verzweiflung

 

Effektfreudige Einkaufszentrum-Jugendliche spielen Nu Metal

Wenige Labels, die einem Musikstil aufgeklebt werden, führen derart in die Irre wie "Nu Metal". Was klingt, als habe eine Szene den härtesten Rock nochmal revolutioniert oder zumindest reformiert, bezeichnet in Wirklichkeit doch nur ein Wirrwarr völlig verschiedener Sounds. Was die Nu Metal-Bands Staind, Linkin Park oder Korn dennoch eint ist ein Blick in die eigene, angstbeladene Psyche; dazu effektfreudige Produktionen ohne Scheu vor Bombast.

Nicht erst seit dem Nu Metal ist "Angst" ein aus dem Deutschen entlehntes Fremdwort in der englischen Sprache. Mit dem dem zum Genre gewordenen Nicht-Genre allerdings hält der Begriff auch Einzug in die Teenie-Magazine der Vereinigten Staaten. Denn wenn es etwas gibt, was die unter Jugendlichen so erfolgreichen Gruppen gemeinsam haben, dann ist es weniger ein Sound. Vielmehr eine Stimmung, die von so unterschiedlichen Bands wie Slipknot, System Of A Down und Limp Bizkit transportiert wird: eine tiefgreifende, verzweifelte Orientierungslosigkeit. Keine Furcht vor etwas Konkretem; sondern - Angst.

Ein weiteres Label für diese Kinder der 90er Jahre ist zwar weniger verbreitet, doch umso mehr angebracht: "Mallcore". Also Musik von und für junge Leute, die ihre Nachmittage ziemlich gelangweilt in Einkaufszentren von der Größe alter Stadtkerne verbringen. Eine rauchen, weil es verboten ist; über Mainstream-Popstars schimpfen; verzweifelt reden und verzweifelt singen, nicht wissend, woher diese Verzweiflung überhaupt rührt. Schließlich über Nacht selbst ein Mainstream-Popstar werden.

Deshalb ist auch die Schreibweise für "neu", ist das "Nu" bezeichnend in diesem Medien-Begriff für Mainstream-tauglichen Rock, der ab Mitte der 90er Jahre auftaucht. Zeigt er doch eine gewisse Teenie-Kreativität an; dieses leichte Umkrepeln von Konventionen, die für Leute unter 20 eine ganze Welt, ja eine ausgewachsene Verschwörung bedeuten können. Sicher haben viele, viele Grunge-Bands; haben Ministry, die Nine Inch Nails, haben Helmet und Monster Magnet jeweils auf neue, aufregende Weise auch mit Metal gespielt, bevor der Begriff vom "Nu Metal" überhaupt auftauchte. Sicher sind viele der später auftauchenden Gruppen musikalisch weitaus weniger interessant.

Schönheit der Schock-Show

Im Gegensatz zu den genannten Beispielen ist an den unter Nu Metal zusammen gefassten Bands mehr die Gesamtinszenierung bedeutend. Das geht soweit, dass die Produktion von Linkin Park, Tool, Korn und System Of A Down als außerhalb der Songs stehend gehört werden kann, so sehr bläst sie die introspektive Verzweiflunng der Bands auf zu einer psychedelischen Emotions-Show. Bösartige Stimmen bezeichnen deshalb auch die Zeit des Nu Metal als die Anwendung des Knabenchor-Prinzips auf Rock: die Songs der Kleinen als bloßes Material für den Chef im Erwachsenen-Alter.

Doch pauschal können diese - von Metal-Seite her betrachtet durchaus verständlichen Einwände - nicht gelten. Denn auch der Nu Metal hat musikalisch großartige Bands hervor gebracht. Etwa die immer Power rockenden Deftones. Dazu schafften es einige Erneuerer des Trash, durch den Nu Metal-Medienhype Aufmerksamkeit zu erlangen - besonders Pantera und Machine Head. Vor allem aber wurde mit wesentlich mehr Ideen an neuen visuellen Inszenierungen gearbeitet. Die durch Netz- und Printmedien geisternden und live voll zur Geltung kommenden Schock-Stylings von Marylin Manson und Slipknot vergleiche man nur einmal mit den Chart-stürmenden Hardrockern der 80er wie Bon Jovi. Und schon wird sie deutlich, die produktive Kraft der Angst des Teenagers.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Fear Factory, Incubus, Static-X, Alien Ant Farm, Adema, Papa Roach

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

Tool: Undertow [1993]
Machine Head: Burn My Eyes [1994]
Korn: Korn [1994]
Deftones: Adrenaline [1995]
Limp Bizkit: Three Dollar Bill Y'All [1997]
System Of A Down: System Of A Down [1998]
Slipknot: Slipknot [1999]
Linkin Park: Hybrid Theory [2000]