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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Industrial Metal
Das düstere Hämmern der Maschinen

 

Industrial Metal vereinte Marinettis 'Art of Noise' mit heavy Gitarren

Die ersten Experimente der Verschmelzung von Dance- und Gitarrenmusik Mitte der 80er waren für die Prägung der neuen, halb-synthetischen Metal-Spielart namens Industrialmetal von großer Bedeutung. In Deutschland entwickelten Die Krupps und KMFDM eine düstere, marschmusikhafte Industrialdance-Variante, die sich noch vage an Pionieren wie Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle orientierte. Gegen Ende der 80er Jahre absorbierten schließlich Ministry und Nine Inch Nails die Dance-Elemente und erdeten das maschinelle Bollern mit einem Gitarren-Sound aus dem Metal- oder Alternative Rock-Sound.

Auf der Suche nach immer neuen, härteren Metal-Spielarten war man gegen Ende einer fruchtbaren Metal-Dekade zwangsläufig bei Drum Machines und Sample-Gitarren gelandet. In Europa hatten sich Bands wie den Die Krupps, KMFDM oder die The Young Gods schon seit Mitte der 80er aus unterschiedlichsten Beweggründen mit elektronischer Lärmerzeugung beschäftigt. Allen drei war gemein, dass sie als der Electronic Body Music-verwandte Projekte starteteten, um sehr bald ihren synthetischen Sound um schmirgelnde Gitarren und hämmernde Percussions zu erweitern. Das düstere Hämmern der Maschinen brachte sie auch später immer wieder in die Nähe von EBM-Pionieren wie Front 242, Nitzer Ebb und Clock DVA, obwohl sie ab Ende der 80er die Gitarren in den Vordergrund ihrer Produktionen stellten.

Das größte Mißverständnis, mit dem Bands wie Ministry, Nine Inch Nails oder KMFDM seit ihren ersten kommerziellen Erfolgen in den USA zu kämpfen hatten, war jedoch die Kategorisierung als ?Industrial?. Musikalische oder ästhetische Überschneidungen zum eigentlichen, sehr anti-zivilisatorischen geprägten Industrial-Sound von Throbbing Gristle, SPK, Psychic TV oder Whitehouse hat es jedoch nie gegeben. Ministry und Nine Inch Nails posten in bester Rockmanier und zogen auch genau dieses Publikum an. Der etwas ungenaue Begriff ?Industrialmetal? wurde der kleinste gemeinsame Nenner.

Das Chicagoer Label Wax Trax war Anfang der 90er das Sammelbecken für alle Bands, die in irgendeiner Form mit aggressiver Dancemusik oder deren Metal-Mischform in Zusammenhang gebracht wurden: Von Ministry über KMFDM, Young Gods, dem Ministry/Front 242-Nebenprojekt Revolting Cocks, My Life with the Thrill Kill Kult und den kanadischen Vorreitern Frontline Assembly und Skinny Puppy, die trotz verstärkter Electro/Terrordance-Elemente - nicht ganz unberechtigt ? immer wieder mit den Gitarrenbands in einem Atemzug genannt wurden, veröffentlichten sie so ziemlich jede relevante Industrialmetal-Band. Wax Trax war einige Jahre das Synonym für diese Art von Musik, was das Label schließlich auch nach Abebben des Booms in eine Sackgasse manöveriert hatte.

Seine Blüte erlebte der Industrialmetal durch die beiden Vorzeige-Bands Ministry und Nine Inch Nails (NIN-Kopf Trent Reznor hatte seine Musikkarriere als Ministry-Roadie begonnen). Sie brachten Industrialmetal in das Bewusstsein der Massen und schließlich in die Stadien. Anfang der 90er war ihr Erscheinungsbild zwischen Selbstzerstörung, Entfremdung und unkontrolliertem Hass (wie es auch Skinny Puppy, KMFDM oder die englischen Industrial Grind-Pioniere Godflesh an den Tag legten) mächtig en vogue und entsprach genau den Erwartungen des jungen Publikums.

Der Erfolg von Ministry und Nine Inch Nails zog eine kurze, heftige Welle von Industrialmetal-Bands nach sich, die Mitte der 90er ihren Höhepunkt erreicht hatte. Der Unterschied zur ersten und zweiten Generation war jedoch, dass diese Bands ganz eindeutig von der Gitarrenmusik kamen und ihren mediokren Metal mit noch mehr Gitarrenspuren aufzubretzeln versuchten.

Eine weitere interessante Variante, die nur am Rande mit dem eigentlichen Indistrialmetal-Sound zu tun hatte, definitiv aber mit der Musik in engem Zusammenhang stand, war das Phänomen der Hardcore Techno-Remixe von Deathmetal- und Grindcore-Bands. Das Label Earache arbeitete in den 90ern einige Jahre mit dem New Yorker Hardcore/Gabba/Noise-Label Industrial Strength zusammen und etablierte den wohl brutalstmöglichen Industrialnoise/Metal-Hybriden, der meist auf der Basis von Metal-Samples entstanden war. Die amerikanische Band Fear Factory waren die ersten, die ihren schon sehr Industrial-angehauchten Deathmetal konzeptionell einer elektronischen Nachbearbeitung unterzogen. Das Modell machte für einige Jahre Schule und brauchte auch diverse bizarre Kollaborationen wie Morbid Angel vs Laibach hervor.

Die elektronische Sound-Bearbeitung durch Samples hat heute bei einerem wachsenden offenen Metal-Publikum Akzeptanz gefunden und das Hörempfinden auch für Metal-untypische Geräusche sensibilisiert. Dementsprechend hat sich auch die reine Form des Industrialmetal, selbst bei Vorreitern wie Ministry und Nine Inch Nails, inzwischen verflüchtigt.

Weiter Meister dieser Strömung sind:

Pigface, Pitchshifter, Treponem Pal, Controlled+Bleeding, Swamp Terrorists, Shock Therapy, Cubanate, Skrew, Coptic+Rain

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Revolting Cocks: You Goddamned Son of a Bitch [1988]
Ministry: The Mind Is a Terrible Thing to Taste [1989]
Godflesh: Pure [1992]
KMFDM: Naive [1990]
Pigface: Gub [1990]
Young Gods: TV Sky [1991]
Pitchshifter: Industrial [1991]
Treponem Pal: Aggravation [1991]
Swamp Terrorists: Combat Shock [1992]
Nine Inch Nails: Broken [1992]
Shock Therapy: Hate is a Four-Letter-Word [1992]
Skrew: Dusted [1994]