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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Grindcore
Brutales Zerhacken

 

Grindcore öffnete dem Death Metal den Brustkorb

Die Gleichsetzung von Death Metal und Grindcore ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Viele Deathmetal-Fans fühlen sich zwar vom Grindcore angesprochen, da es musikalische und auch stammesmäßige Gemeinsamkeiten gibt. Trotzdem liegen die Ursprünge des Death Metal liegen jedoch in den USA. Grindcore dagegen ist very British!

Die Jahre zwischen 1986 und 1989 gehören zu einer umstürzlerischen Phase der englischen Musikgeschichte. Als Napalm Death 1986 ihr Debüt-Album Scum veröffentlichen, ist die Welt überhaupt nicht bereit für diesen Sound. Die Grundmuster der Musik sind zwar nicht neu, aber noch nie hat man sie so brutal zerhackt und arhythmisch verfremdet gehört. Napalm Death befreien Metal von allen klassischen Schemata bringen ihn bewusst um den Anspruch auf Virtuosität. Grindcore ist geboren. Bereits 1987, nur ein Jahr nach Scum, folgten Carcass mit ihrem Debüt Reek of Putrefaction mit einem weiteren Mehr an Aggression und Kaputtheit. Viele Bands aus dem Death Metal eignen sich nun Elemente dieser beiden prototypischen Grindcore-Alben an.

Zu den Erkennungsmerkmalen des Grindcore gehören deshalb die runtergestimmten und daher sehr flächigen Gitarrenriffs, die die Akkorde zu einem einzigen matschig-dumpfen „Wall of Noise“ verwaschen. Dazu die konsequent asynchrone Spielweise. Die Mehrheit der Bands hält sich jedoch an konventionelle musikalische Vorgaben, was sie für den Grindcore disqualifiziert.

Fauchen, Grunzen, Quietschen

Grindcore in seiner reinsten Form verzichtet sogar auf Wiederholungen wie Strophe, Refrain und Melodie, vermeidet konventionelle Strukturen und lotet das Extrem in jeder Hinsicht aus: akustisch dominiert das Zerstörerische, und auch die Texten werden von Abweichlertum bis hin zur Pathologie dominiert. Unterdessen erinnert der Gesang mal an Fauchen, dann an Grunzen oder auch an das unkontrollierte Gebrabbel von jemandem, dem ein katholischer Priester den Teufel austreibt. Ein stets guter Witz sind - oder waren - die vollgetexteten Booklets von Grindcore-Alben, zeichnet sich die Qualität der Bands doch vor allem dadurch aus, dass man ihren Sänger garantiert nicht versteht. Alles völlig over the top und damit eine gehörige Attraktion für die Jugend.

Gegen die unpolitischen Metaller

Seinen Ursprung hat der Grindcore nicht im Metal, sondern in der englischen Anarcho- bzw. Crustcore-Szene, weswegen sich Grindcore-Bands auch stets gegen die Vereinnahmung aus der unpolitischen Metal-Szene gewehrt haben. Schon Anfang der 80er hatten Gruppen wie Discharge und Heresy einen brachialen Distortion-Sound in ihre kurzen, ultrabrutalen Hardcore-Stücke eingebracht. Die sozialkritischen und politischen Texte von Napalm Death (auch wenn man sie erst im Booklet nachlesen muss) liefern eine offensichtlichse Parallele von Crust- und Grindcore. Carcass dagegen treiben das gewalttätige Image durch lyrische Collagen aus Medizin-Wörterbüchern und Pathologie-Klappcovers schließlich auf die Spitze.

Der Novelty-Effekt dieser unfassbaren Musik begeistert für einige Jahre die Musikwelt. Neben Napalm Death lädt etwa der hochgeschätzte Moderator John Peel Gruppen wie Extreme Noise Terror in seine Radiosendungen auf BBC Radio 1 in London ein. Zur selben Zeit etabliert sich Earache als das Hauslabel für alle qualitativ hochwertige Extreme Metal-Bands.

Die chaotischen, kaum analysierbaren Strukturen des Grindcore mit seiner erratisch verschachtelten Rhythmik beginnen Anfang der 90er auch ausgebildete Free Jazz- und Avantgardemusiker zu faszinieren. Napalm Death-Drummer Mick Harris wird 1991 von dem Jazz-Musiker John Zorn für dessen Avantgarde-/Free Grind-Projekte Painkiller und Naked City rekrutiert und kollaboriert bis heute als vielseitiger Elektronik-Produzent mit Jazzern und DJs.

Musikalisch stellt sich Grindcore jedoch sehr schnell als zu limitiert heraus, so dass das Potential der Musik schon nach wenigen Jahren erschöpft ist In dem Ultra-Noise japanischer Elektronik-Musiker wie Merzbow, Hijokaidan und Violent Onsen Geisha findet das unstrukturierte Mahlen des Grindcore noch ein letztes Mal eine interessante Modifizierung, was auch zu bemerkenswerten Kollaborationen führt. Die Errungenschaften des Grindcore sind heute in andere Metal-Spielarten oder in Sub-Genres wie Porngrind (spielt dem Ekel der Perversionen) oder Goregrind (liebt Horror-Hörspiele) eingeflossen. Grindcore war letztendlich ein kurzes, intensives Phänomen mit nachhaltiger Wirkung.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Sore Throat, Repulsion, Terrorizer, Assück, Anal Cunt, Brutal Truth, Haemorrhage, Scumfuck

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Napalm Death: Scum [1986]

Carcass: Reek of Putrefaction [1987]

Repulsion: Horrified [1989]

V.A.: Grindcrusher [1989]

Extreme Noise Terror: The Peel Sessions [1990]

Godflesh: Streetcleaner [1990]

Brutal Truth: Kill Trend Suicide [1996]

Die Japanischen Kampfhörspiele: Nostradamus in Echtzeit [2001]

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