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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Wiener Klassik
"Oper der Instrumente"

 

Die Symphonien der Wiener Klassik

Ein Schriftsteller trägt Verantwortung dafür, wie auch heute noch eine Komponisten-Trias für eine ganze musikalische Epoche steht. Als E.T.A. Hoffmann im Jahr 1810 die Symphonie als "Oper der Instrumente" rühmt, hat er Haydn und Mozart im Sinn. Und jenen Erneuerer der Gattung, dessen Fünfte Symphonie in ebenjenem Text von E.T.A. Hoffmann rezensiert wird: Beethoven.

Wer "Klassik" sagt und an Musik denkt, der oder die muss sich auf Nachhak-Fragen einstellen. Meinen Sie etwa das Genre, zu dem, wie auf musicline.de, Karlheinz Stockhausenund Antonio Vivaldi zählen? Meinen Sie einfach etwas Wohlgeratenes, Supervollendetes wie einen Popsong der Pet Shop Boys? Oder meinen Sie etwa genau die Epoche komponierter Musik zwischen 1770 und 1827, zu der streng genommen nur drei Komponisten zählen?

Im letzten Fall ist die Rede von der Klassik noch etwas einzugrenzen. Wenn in der Musik auch sonst kein Klassikbegriff darüberhinaus existiert, so hat sich die Geschichtsschreibung zu dem Konsens zusammen gerauft, die Epoche "Klassik" als Synonym für die "Wiener Klassik" zu gebrauchen. Und die Wiener Klassiker, das sind Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Das kammermusikalische Streichquartett, das Klavierkonzert und die Klaviersonate sind nach diesen drei - zeitweise in Wien lebenden - Komponisten nicht mehr aus dem Repertoire komponierter Musik wegzudenken. Bis heute aber findet die Wiener Klassik ihren Nachhall in der komplexen Form der Symphonie.

In Italien entwickelt sich bereits um 1730 mit den Komponisten Tartini und Sammartini die Form der Symphonie aus der Ouvertüre (Sinfonia) der Oper. Im Laufe des Jahrhunderts entsteht dann das große Orchester, wie es heute noch für Interpretationen klassischer Musik besetzt wird. Stilprägende symphonische Werke dafür entstehen Mitte des Jahrhunderts, ihre Komponisten sind etwa Georg Christoph Wagenseil und Georg Mathias Monn. Doch beginnt erst mit den Symphonien Haydns das, was ihm Mozart und Beethoven wenig später gleich tun solllen: die Vollendung, das Auf-den-Punkt-bringen, das Auslösen des Ja!-Gefühls.

Die vertrackte Symphonie

Wie sozial und politisch bewegt die Zeiten sind, in denen diese Komponisten leben, das zeigen schon die unterschiedlichen Lebensweisen der Dreien. Franz Joseph Haydn etwa hat als Komponist die bis Ende des 18. Jahrhunderts übliche Stellung inne: Schon als 18-jähriger wird er bei einem Grafen eingestellt, und diese Position eines Angestellten des Adels behält Haydn nach mehrmaligem Häuserwechsel bis zu seinem Tod 1809 in Wien. Mozart dagegen versucht ganz im Geiste der Aufklärung, sich im Laufe seiner Karriere vom Adel unabhängig zu machen. Scheitert seine Existenz als "freier Künstler" allerdings noch an geschäftlichem Unvermögen, so weiss bereits der Haydn-Schüler Ludwig van Beethoven, auch mit Geld umzugehen. Seit seinem ersten öffentlichen Wiener Auftritt im Jahr 1795 nimmt Beethoven keine feste Stellung mehr an - als unabhängiger Lehrer, Pianist und Komponist kann er finanziell gut leben und gilt daher als erster "freischaffender Musiker".

Motiv und Variation

Doch die Zeit der Aufklärung, die diese Entwicklung vom Komponisten als Adelsabhängigen hin zum selbstständigen Bourgeois ermöglicht, diese Zeit der Ideengeschichte ermöglicht auch neue Kompositionstechniken: Wann immer es in Philosophie und Politik heiss läuft, so erhitzen sich auch die Systeme der Kunst. Haydn und Mozart also bündeln die nationalen Kompositionsschulen der Symphonie und schaffen eine neue Formenverbindlichkeit. Mit ihnen weist die Symphonie Eigenschaften auf, die sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten: Motiv und Variation, achttaktige Grundmuster, die Verwandtschaft mit der Volksmusik, aus der sich ebenso eine leichte Verständlichkeit wie sogar teilweise die Verführung zum Mitsingen ergeben. Diese Muster sind bei Beethoven nach wie vor zu erkennen, gleichzeitig reisst er die Konventionen der beiden Älteren schon wieder auf, weshalb besonders seine Symphonien ab der Dritten, der "Eroica", von manchen Geschichtsschreibern schon wieder als "nachklassisch" empfunden werden, ragt er doch mit Pathos und Fantasmus schon in die romantische Musik hinein.

Doch hat eben niemand einen größeren Einfluss gehabt auf die posthume Zusammenfassung der musikalischen Klassik als E.T.A. Hoffmann. Und für den Verfasser des Fräulein von Scuderi und dessen Schule machender Rezension der Fünften Symphonie des Ludwig van Beethoven ist es eben jenen Drei in gleichem Maße zu verdanken, dass die Symphonie zu Beginn des 19. Jahrhunderts die höchste stellung innerhalb der musikalischen Formen zukomme: als "Oper der Instrumente". Im übrigen ist das Zeitalter der "Wiener Klassik" nur im deutschsprachigen Raum ein Synonym für "Klassik" schlechthin. In Frankreich sind es etwa die Komponisten Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau, die als "Klassiker" gelten.
(cb)

Zeitgenossen der Wiener Klassiker sind:

Jan Krtitel Vanhal, Etienne-Nicolas Méhul, Luigi Boccherini,Luigi Cherubini, Muzio Clementi

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Haydn: Abschiedssymphonie Nr. 45 fis-moll [1772]
Haydn: Londoner Symphonien [1791]
Mozart: Symphonie Nr. 40 g-moll [1788]
Mozart: Requiem [1791]
Beethoven: Symphonie Nr. 1 c-dur [1799 - 1800]
Beethoven: Symphonie Nr. 3 "Eroica" [1803]