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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Weihnachtsoratorium
Jauchzet, frohlocket

 

Feierlicher geht es nicht: Die Weihnachtsoratorien

Ab dem Jahr 1600 herum kam in Europa eine neue Form der Musikauführung auf: Die Oper. Zu den kirchlichen Festtagen durften jedoch keine weltlichen Gesangsspiele aufgeführt werden. So entstanden geistliche Singspiele für die hohen Kirchenzeiten - etwa die Weihnachtsoratorien von Johann Sebastian Bach und später Hector Berlioz oder Benjamin Britten.

Bereits vor dem allmählichen Aufkommen von Oratorien werden zu Beginn des 17. Jahrunderts die sogenannten Weihnachtshistorien aufgeführt: Chorgesänge und instrumentale Passagen, deren Inhalt die Geschichten aus der Bibel sind - insbesondere die des Neuen Testaments. Mit der gleichzeitigen Verbreitung der neuen Gattung Oper kommt im Verlauf der Jahrzehnte zunehmend das Oratorium als geistliches Pendant auf.

Kirche wünscht

Wie in der Oper und im Gegensatz zur karg besetzten Bibel-Historie werden etwa in Thomas Tallis frühen Oratorium Puer Natus Est Nobis nun die Rollen der Geschichten auf Solo- oder Chorstimmen verteilt. Im Gegensatz zur Oper jedoch handelt auch das Oratorium von den Bibelgeschichten. Die Geschichten von der Geburt und der Passion Christi dürfen, ja sollen ausdrücklich in den protestantischen Kirchen zu den Feiertagen aufgeführt werden. Mit dem Oratorium manifestiert sich dieser Wunsch der Kirche nach einer hochfestlichen Musik. Zumal zu Weihnachten oder Ostern die Aufführung jedweder weltlicher Werke, etwa der Oper, strengstens untersagt ist. Es entsteht auch aus diesem Grund fast ein Wettstreit um den ergreifendsten Ton hoher Feierlichkeit.

Genuss auch für Nichtgläubige

Das gelingt etwa durch den Rückgriff auf die Tonart F-Dur, die westeuropäisch sozialisierte Menschen unweigerlich mit Festlichkeit assoziieren. Ob in dem Oratorium von Johann Sebastian Bach [1734] oder dem beinah ebenso berühmten Werk Telemanns So wird wohl auch in unserer Zeit die Gottsuche gläubiger Menschen alljährlich zu Weihnachten durch diese langen Singspiele über die Geburt Jesu Christi verstärkt. Und selbst im Jahrhundert der Säkularisierung, dem 20. also, versuchen sich große Komponisten an ihm. Etwa Engelbert Humperdinck 1906 mit "Bübchens Weihnachtstraum" oder Brittens Ceremony Of Carols, also der Feier aus Weihnachtsliedern.

Der Pomp mag diesen neueren Werken abhanden gekommen sein. Und die Stimmungslagen mögen stärker schwanken als in den triumphierenden Jubelgesängen aus der Hochzeit des Oratoriums. Doch jedes Weihnachten gilt: "Jauchzet, frohlocket". Ein Genuss auch für Agnostiker und Atheisten. (cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Heinrich Schütz, Johann Schelle, Johann Heinrich Rolle, Jakub Jan Ryba, Georg Friedrich Händel, Camille Saint-Saëns

Aufnahmen mit Schlüsselqualitäten sind:

Peter Phillips dirigiert Thomas Tallis: Per Natus Est Nobis [1554]

John Eliot Gardener dirigiert Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium [1734]

René Jacobs dirigiert Georg Philipp Telemann: Cantatas & Odes [1759]

Paul Hillier dirigiert Heinrich Schütz: Historia der Geburt Christi [1660]

John Eliot Gardiner dirigiert Hector Berlioz: L'Enfance Du Christ [1853-154]

Claudio Abaddo dirigiert Franz Liszt: Christus-Oratorium, 1. Teil [1862-66]

Engelbert Humperdinck: Bübchens Weihnachtstraum 1906

V.A.: Harry Christophers dirigiert Benjamin Britten: Ceremony Of Carols [1942]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Innenarchitektur aus Klang (Ambient), Jazzy Christmas (Weihnachtsjazz) oder Zeit der Gegensätze (Barock).