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GENRES

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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Renaissance
Polyphonie darf in die Kirche

 

Grundlage heutigen Musikverständnisses: die Renaissance

So schwierig die Zeit der musikalischen Renaissance einzugrenzen ist, so eindeutig sind doch ihre Folgen. Was ungefähr mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts beginnt und ab 1600 so langsam vom Barock abgelöst wird, hinterlässt etwa die konsonante Empfindung von Terzen und Sexten. Einem Palestrina ist es sogar zu verdanken, dass in der Kirche mehrstimmig gesungen werden darf.

Nicht weniger als eine Wende der europäischen Kultur vollzieht sich in der Renaissance: mit dieser Wiederentdeckung der Antike und ihres philosophischem Gutes beginnt die Emanzipation des menschlichen Geistes von religiösem Fatalismus und klerikaler Autorität. Sind es in der Literatur Petrarca, Cervantes und Shakespeare, die nun den Menschen in das Zentrum ihrer Schriften rücken; ein Macchiavelli in der politischen Theorie oder die Bildenden Künstler Michelangelo und Dürer, so steht die Musik der Epoche in ihrem Bekanntheitsgrad hinter jenen Formen zurück.

Das mag an den rar gesäten Bildern liegen, mittels derer die Musik der Renaissance in einem visuell geprägten Medienzeitalter bekannt gemacht werden muss. Vor allem aber sind die Neuerungen der musikalischen Renaissance derart grundlegend, dass heute kaum noch bekannt ist, in welcher Zeit sie sich überhaupt durchgesetzt haben.

Chanson und Canzone

Das französische Chanson und die italienische Canzone werden schon im 15. Jahrhundert in das kulturelle Bewusstsein Europas eingeführt. Die Intervalle Terz und Sexte werden erst seit der Renaissance als konsonant empfunden. Außerdem entsteht eine neue Aufteilung zwischen Kunstmusik und Kirchenmusik, denn die weltliche Musik gewinnt im 15. und 16. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Hoch angesehene Komponisten wie etwa ein Palestrina hinterlässt neben seinem kirchlichen Werk einen reichen Fundus an Madrigalen; auch Philippe Verdelot veröffentlicht bereits 1536 ein komplettes Madrigalbuch und damit eine Sammlung der Hauptform des mehrstimmigen Gesangs jener Zeit.

Gleichzeitig entwickelt sich aus den Tänzen jener Zeit die zunehmende Bedeutung der Instrumentalmusik jener Zeit, der beispielsweise die Komponisten Tielman Susato und Pierre Attaignant einen kräftigen Schub geben mit ihren Tanzbüchern.

Palestrinas Beweis

Fundamental ändert sich in der Zeit der Renaissance allerdings auch die vokale Musik: die heutige Einteilung eines mehrstimmigen Gesangs-Satzes in Bass, Tenor, Alt und Sopran entwickelt sich in jener Zeit heraus. Die Polyphonie, also Mehrstimmigkeit beherrscht im Gegensatz zur mittelalterlichen Musik nun die am meisten gebräuchlichen Musikfomen. Die Motette als mehrstimmiger Gesangssatz wird zur bedeutendsten nicht-liturgischen Form geistlicher Musik. Und wie immer, wenn große Umwälzungen am Werk sind, bleibt die leidenschaftliche Diskussion nicht aus.

So steht anlässlich des Konzils von Trient eine Frage zur Debatte: Ist der mehrstimmige Gesang der Gotteserbaung überhaupt zuträglich oder soll er aus der Kirche verbannt werden? Die Experten laden den Komponisten ihrer Zeit ein, um diese gar nicht rhetorische Frage zu beantworten: Giovanni Pierluigi da Palestrina (ca. 1515 - 1594).

Der Verfasser von 102 Messen und 250 Motetten bezieht klar Stellung, indem er drei Messen von Einfachheit, Schönheit und auch noch Verständlichkeit des Wortes schreibt. Ihre Uraufführung erfolgt 1565, und das Konzil unter Papst Marcellus II. beschließt einstimmig die Fortführung der Mehrstimmigkeit in der geistlichen Musik. Damit wird der Römer zum einzigen Komponisten der Renaissance, der dank der auf eine Messe bezogenen Wortschöpfung vom "Palestrina"-Stil bis heute einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff ist. Als Palestrina 1594 stirbt, hat die Renaissance einen späten Höhepunkt erlebt.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Conrad Paumann, Johannes Ockeghem, John Dunstable, Thomas Tallis, Hans Neusiedler, Mateu Fletxa el Vell, Maddalena Casulana, Clemens non Papa

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

V.A.: Lautenmusik der Renaissance [1994]
Anonym: Buxheimer Orgelbuch [1995]
Tielman Susato: Dansereye 1551 [1998]
Philippe Verdelot: Madrigalbuch 1536 [2001]
Palestrina/ di Lasso: Moteti/ Madrigali/ Canzoni [2002]
Pierre Attaignant: Preludes, Chansons & Dances [2002]
Guillaume Dufay: Missa Puisque Je Suis [2003]
V.A.: Meister der Renaissance [2004]