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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Neue Musik
Ein Begriff als Prophezeiung

 

So tönt die Moderne: Neue Musik

Neue Musik ist kein Genre. Dennoch gilt es, diesen Stile übergreifenden Begriff zu klären: Um durchschaubar zu machen, was in diesem Terminus enthalten ist, der die Programmhefte zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts dominiert.

Ende des 19. Jahrhunderts gärt es. In allen Künsten, und so auch in der Musik. Die Industrialisierung hat die europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften umfassend verändert. Die Materialien in der Hand, der (Arbeits-)Alltag, das Verständnis von Zeit, alles ist völlig anders als noch einhundert Jahre zuvor. Das kann an den Künsten nicht spurlos vorüberziehen. Das Wort der "Moderne" taucht auf - in den Bildenden Künsten mit der einsetzenden Abkehr der figürlichen Darstellung; in der Literatur mit ihren Fragen, wie Geschichten denn noch erzählt werden können als bloß linear.

In der Musikgeschichte aber kommt dem Begriff der Moderne ein sehr kurzes Intermezzo zu, hier werden allgemein nur die Jahrzehnte zwischen 1890 und 1910 als ?modern? bezeichnet. Das Gären im Traditionskessel beschreibt etwa Claude Débussys Schichtungen von Klang oder Max Regers Überlegungen zur Chromatik. Diese Werke deuten bereits in die Zukunft und sind "modern" in ihrer Konzeptualität; gleichzeitig aber brechen sie nicht derart radikal mit der Vergangenheit, wie das die Zwölftonmusik unternehmen wird.

Der Neubeginn

Einen klaren Schnitt stellt erst die Zwölftonmusik dar. Zwar beruht sie auf der gleichen Notenskala wie die hergebrachte westliche Musik. Allerdings stellt sie als Kompositionstechnik rationale Abfolgen der zwölf Töne der Notenskala in ihr Zentrum, statt eine Wiederkehr melodiöser Figuren oder gar Harmonien. Das bringt ihr auch den Namen "atonale Musik" ein - diese Bezeichnung mag Arnold Schönberg aber überhaupt nicht. Der 1874 geborene Sohn eines Wiener Kaufmannes führt 1908 mit dem Klaviersuite op. 25 das Werk auf, das radikal mit den europäischen Harmonievorstellungen bricht. Er erntet harte Kritiken.

Schönberg aber sucht weiter nach neuen Kompositionstechniken, und 1923 erscheint mit der Klaviersuite op. 25 das erste in Zwölftontechnik geschriebene Werk. Vier Jahre zuvor hat der Feuilletonist Paul Bekker den Begriff der "Neuen Musik" geprägt, unter den er Schönberg, Hanns Eisler oder Anton von Webern subsumiert. Doch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges radikalisiert auch weitgehend die Tonkunst; Luigi Russolo, George Antheil oder Edgar Varèse vertreten futuristische Gedanken und führen das Geräusch und den Lärm in die Musik ein.

Zufallsprinzip und Minimal

Als Prophezeiung erweist sich der Begriff der "Neuen Musik" schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg: selbst neoklassizistische Werke müssen sich nun behaupten gegen die Geste der Moderne. Der US-amerikanische Komponist John Cage führt mit seiner "Aleatorik" das Zufallsprinzip in die Komposition ein; ebenso wie die Stille. Die Musique Concrète arbeitet, ähnlich wie die Situationisten in der Bildenden Kunst, mit vorgefundenen Geräuschen.

Mit der Minimal Music schließlich hält in den 60er Jahren bereits die Postmoderne Einzug in die Musik, wenn man unter diesem so verschiedenartig benutzen Begriff ganz grundlegend einen Mix der Bewusstseinsprägungen versteht. In der Minimal Music kommt die Vermischung zum Vorschein: ist sie doch oft genug geprägt leicht wieder erkennbaren Melodieführungen wie in einem Popsong, und beruht dabei gleichzeitig auf einem plateau-artigen Zeitverständnis, wie es in der traditionellen Gamelan-Musik Indonesiens zum Ausdruck kommt.

Die Minimal Music verschafft komponierter Musik einen Popularitätsschub; Steve Reich oder Philip Glass werden zu gefragten Filmmusik-Komponisten. Das gilt nicht für jede Form der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts; die Zirkel, in denen Schönberg und seine Nachfolger oder gar die seriellen Nachkriegskomponisten gehört und diskutiert werden, bleiben recht überschaubar. Von Bedeutung sind die Donaueschinger Musiktage und das Internationale Musikinstitut Darmstadt in Deutschland; in Frankreich die vom Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez gegründeten "Institute De Recherche Et De Coordination Acoustique-Musique (IRCAM)" und das "Ensemble InterContemporain (EIC)". Die "Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM)" schließlich organisiert die jährlich statt findenden Weltmusiktage.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Alban Berg, Benjamin Britten, Iannis Xenakis, Olga Neuwirth, Helmut Lachenmann, Mauricio Kagel, Magnus Lindberg

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Olivier Messiaen: Klavierwerke [1991]
Arnold Schönberg: Moses und Aron [1993]
Anton von Webern: Boulez dirigiert Webern 2 [1995]
John Cage: The 25 Year Retrospective Concert Of The Music Of John Cage [1996]
György Ligeti: Kammerkonzert/ Ramifications/ Lux Aeterna/ Athmospheres [1996]
Karlheinz Stockhausen: Mantra [1996]
Edgar Varèse: Sämtliche Werke [1998]
Paul Hindemith: Kammermusik [2003]