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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Minimal Music
Hinwendung zum Klang an sich

 

Gegen die Überfrachtung: Minimal Music

Die ersten Komponisten der Minimal Music wie Terry Riley, Philip Glass oder Steve Reich arrangieren in den 60er Jahren meditative Werke über elementare Fragen. Sie lassen sich anregen von bis dahin kaum bemerkten Musikstilen wie der Gamelan-Musik aus Indonesien. Die Wirkung der Minimal Music hallt bis heute nach.

Die klassische Musik des 20. Jahrhunderts ist in ihren ersten fünfzig Jahren vom Konventionensturm geprägt: Atonalität, Erfindung von Harmoniesystemen, Komponieren auf der Basis von Zufallsprinzipien, Musik als Ergebnis konzeptioneller Mathematik. Was anfangs durch seine schiere Kühnheit auch sensuelle Überwältigungen bewirken kann, endet irgendwann in der ideellen Überfrachtung. Es ist nichts auszusetzen an Musik als Laborprojekt; doch wenn in einer Komposition die Fragestellung nicht mit dem Hören zu erfassen ist, welche Wirkung soll sie dann entfalten?

So kann es nicht überraschen, dass in den 60er Jahren die Minimal Music auftaucht - als Setzung sinnlich unmittelbar erfassbarer Klänge, als Hinwendung zum Klang an sich. "Minimal" wird die Musik genannt, weil ihre "Sinnlichkeit" auf der Reduziertheit grundlegender Aspekte gründet: die stete Wiederholung oft kurzer Motive; durchgängige Rhythmik, und Tonalität. Was im ersten Moment nach purem Rückfall ins 19. Jahrhundert klingt, hat dennoch neue Terrains erschlossen. Denn mit der Minimal Music kehrt ein neues Zeitverständnis in die Musik ein - nicht linear, von einem Punkt A zu Punkt B verläuft die Zeit hier, sondern sie hebt sich im gleichmäßigen Puls der inneren Einkehr auf. Es ist ein asiatischer Zeitbegriff, mit dem die Minimal Music hantiert - und mit ihm verwendet sie auch Motive und Rhythmen der indonesischen Gamelan-Musik. Auch die spirituelle Musik Indiens und die Polyrhythmik Afrikas kehren mit der Minimal Music in die akademische Musik des Westens ein.

Knappe Anweisungen, Phasenverschiebungen

La Monte Young, Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass sind die Komponisten, die mit ihren Kompositionen die Minimal Music anfangs prägen. So lautet die Anweisung des John Cage-Schülers Young zum Klavierstück "Nr. 7": "eine lange Zeit halten". Notiert sind lediglich die beiden Noten h und fis'. Wie sein Zeitgenosse Terry Riley hebt Young im Laufe der 60er Jahre die Trennung zwischen Jazz, Improvisation und akademischer Musik auf. Steve Reich hingegen setzt vor allem in seinen frühen, streng minimalistischen Jahren auf die "Phasen-Verschiebung": zwei gleiche Motive werden auf unterschiedlich langen Tonbändern - später auch von MusikerInnen - abgespielt, sodass sie sich langsam überlagern und sich mit der Zeit immer stärker voneinander unterscheiden. Sein Kollege Philip Glass arbeitet ebenfalls mit leichten Abwandlungen von Tonfolgen; die Variationen setzt er nacheinander an.

Von Bedeutung für Pop

Geprägt hat den Begriff der "Minimal Music" ein Musikkritiker im Jahr 1974: Michael Nyman begleitet zunächst die Minimal Music als Journalist und wird erst in späteren Jahren selbst zu einem der ganz großen Komponisten - vorrangig für Filmmusiken wie Drowning By Numbers oder Das Piano - avancieren. Er, dessen Werke zwar längst nicht mehr als "minimalistisch" bezeichnet werden können, arbeitet zumindest nach wie vor bevorzugt mit der Idee der Wiederholung. Wie Nyman tauchen bis in die Gegenwart ständig neue Namen auf, die einzelne Aspekte der Minimal Music aufgreifen. Dazu gehören Charlemagne Palestine und Peter Michael Hamel.

Und wenn ein Electronica-Produzent wie Aphex Twin die Gavin Bryars-Komposition The Sinking Of The Titanic als Raising The Titanic remixt, dann wirkt das wie eine Respekterweisung. Denn besonders die elektronischen Popmusiken haben viel von der Minimal Music gelernt - Krautrock und Ambient zum Beispiel, aber auch Post Rock.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

John Adams, Erhard Grosskopf, Frederik Rzewski, Tony Conrad, Louis Andriessen, Zoltán Jeney

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

La Monte Young: Trio For Strings [1959]
Terry Reily: In C [1964]
Steve Reich: Piano Phase für zwei Pianos [1967]
Gavin Bryars: Jesus' Blood Never Failed Me Yet [1971]
Philip Glass: Koyaanisqatsi [1983]
Michael Nyman: Drowning By Numbers [1988]
Peter Michael Hamel: Konzert für Violine und Orchester (in zwei Sätzen) [1986 - 1989]
Charlemagne Palestine: Strumming Music [2000]