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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Belcanto
Im Mittelpunkt die Stimme

 

Belcanto: Aus Ideal wird Stil

Lange Legato-Linien, aufgebauschte Appogiatura-Verzierungen: Im Laufe des 17. Jahrhunderts etabliert sich von Italien aus das Gesangsideal des Belcanto. Bis heute hat es seinen Reiz nicht verloren.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kommt in Italien eine neue Form der Vokalmusik auf: die Monodie. Es handelt sich dabei um nichts weniger als die Individualisierung der Singstimme - hochgesprochen nimmt die Monodie das bürgerliche Subjekt vorweg, das zweihundert Jahre später in Europa auf die Barrikaden geht. In der Musikgeschichte steht die Monodie so am Beginn einer Entwicklung, die in den Belcanto, wörtlich den schönen Gesang münden wird. Zwar sind Monodie und Belcanto zwei unterschiedliche Begriffe. Doch ohne die Monodie ist der Belcanto nicht denkbar.

Was also ist passiert? Nach Jahrhunderten, ach, Jahrtausenden des polyphonen Gesangs in Mitteleuropa rückt von 1600 an die Stimme des Individuums mehr und mehr in den Mittelpunkt. Die "Monodie" ist ursprünglich ein Totenlied. In Italien, beeinflusst von der fühhumanistischen Florentiner Camerata, wird dieser Einzelgesang nun zum Ideal des Liedes. Noch heute kennt man zentrale Ideale der Monodie, bestimmten sie doch etwa das Kunstlied und bestimmen noch heute den Song in Folk und Pop: Text und Musik verschränken sich in Rhythmus, Takt und Inhalt. Wer da die Stimme erhebt, offenbart seine Gefühle. Das Ich beginnt also, aus dem Ideal des Chores auszuscheren. Und damit aus der Gemeinschaft gleichwertiger Köpfe.

Purcell, Händel und die Italiener

Als Vervollkomnung all dieser Ideale darf getrost der Gesangsstil des Belcanto betrachtet werden. Für die Oper so grundlegende Formen wie Rezitativ und Arie leiten sich allmählich von der Monodie ab. In L'Orfeo von Claudio Monteverdi taucht schließlich erstmals die Da-capo-Arie auf: Durch das Wiederkehren des Anfangs-Teiles am Ende dieser Arien-Form bietet sich Sängerinnen und Sängern nun die Möglichkeit, diese Passagen zu variieren. Die hohe Kunst des individuellen Singens nimmt Gestalt an.

Die Blütezeit des Belcanto dauert vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist jene Ära, in der "Il Ragazzo", der Kastrat Farinelli sein Publikum mit seiner ungewöhnlich klaren Stimme, seinen präzisen Koloraturen und einem Stimmumfang beglückt, der andere Sänger um eine Oktave übertrifft. Die Epoche auch der frühen Blüte der Italienischen Oper mit Meisterwerken von Scarlatti, Vivaldi, Rossini.

Belcanto und der Pop

Doch da sich das Ideal des Belcanto schnell in ganz Europa ausbreitet, werden auch die Gesangswerke von Henry Purcell oder Georg Friedrich Händel mit den Mitteln des Belcanto angegangen. So setzt sich das Legato als Schönheitsideal in der Gesangsinterpretation ebenso durch wie das Messa di Voce, das An- und Abschwellenlassen eines Tones. Dazu kommen neue Verzierungstechniken wie Appogiatur und Koloratur.

Mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verglüht der Stern des Belcano. Der Ton wird sachlicher, das bürgerliche Ich muss sich an die Arbeit machen. Denn: Der ganzen Pracht der Stimme haftet doch etwas Höfisches an! Nichtsdestotrotz haben bis heute fast alle berühmten Stimmen die Belcanto-Arien gesungen, darunter die Maria Callas oder Enrico Caruso.

Auch in die Pop-Musik hat der Belcanto längst Einzug gehalten. Durch Vermittlung von David Bowie etwa sang der in New York lebende Opernsänger Klaus Nomi mehrere Alben zu Beginn der 1980er Jahre ein. Von Brasilien aus jettet schließlich Edson Cordeiro um die Welt: mit seinem Mix aus Belcanto, Falsettgesang und Musica Popular Brasileira.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Giovanni Carestini, Antonio Vivaldi, Sophie Crüwell, Renato Bruson, Richard Tauber, Mattia Battistini, Joan Sutherland

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Klaus Nomi: Klaus Nomi [1981]

Maria Callas: Wahnsinnsszenen und Belcantoarien [1986]

Edita Gruberova & Yoshikazu Mera: Belcanto Duets [1999]

V.A.: Farinelli - Il Castrato Original Soundtrack [2001]

Axel Köhler mit Nora Koch: An die ferne Geliebte [2002]

V.A.: Countertenor Duets And Song - Purcell And His Contemporaries [2006]

Edson Cordeiro: The Woman's Voice [2008]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Zeit der Gegensätze (Barock), Die Macht der menschlichen Stimme (Lied und Arie) oder Ich bin zwei Stimmen (Obertongesang).