Start | Genres  | Klassik | Barock

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Barock
Zeit der Gegensätze

 

Epoche grundlegender Neuerungen: Barock

Dass im Barock ein Schaffen von derartigem Nachhall möglich war, das liegt an einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. Denn sie alle komponierten in der Zeit des Barock, ob früh wie Claudio Monteverdi, zur Blütezeit wie Henry Purcell oder eben große Spätwerke wie Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach. Dass im Barock ein Schaffen von derartigem Nachhall möglich war, das liegt an einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche.

Erst im Barock etablieren sich Dur und Moll als die beiden Standard-Tonarten. Erst in jener Zeit gewinnt die Oper hohes Ansehen. Nicht zu vergessen: Auch zu festlichen Anlässen weiterhin herangezogene Formen wie das Oratorium, die Kantate und das Solokonzert charakterisieren jene Zeit zwischen dem frühen 17. und dem mittleren 18. Jahrhundert. Ihr posthum vergebener Epochenname verrät jedoch, wie lange die damaligen Neuerungen gegen die Tradition anstürmten. Denn der Begriff "Barock" kommt aus den romanischen Sprachen, wo er stets etwas vom allgemeinen Schönheitsideal Abweichendes impliziert. So eine unregelmäßige Perle im Portugiesischen.

Claudio Monteverdi etwa erlangte in Italien erstmals landesweite Bekanntheit, als der Gelehrte G.M. Artusi dessen Madrigali Guerrieri Et Amorosi in einer 1600 erschienen Streitschrift als dekadent desavouierte. Eine Kritik, wie sie allen Erneuerern widerfährt. Monteverdi indes hielt seinen - von der Antike erlernten Stil - der Monodie bei. Waren zuvor in der populären komplexen Musik die verschiedenen Stimmen gleichberechtigt, so rückte mit der Monodie eine Solostimme in den Vordergrund. 1607 schließlich legte er die Oper L'Orfeo vor, mit deren schon in den Madrigalen eingeführten affektiven Solo-Stimmen Claudio Monteverdi eine grundlegende Grammatik des Musikdramas schuf.

War es in der vokalen Musik die Monodie, die zu einem bestimmenden Merkmal des Barock werden sollte, so bildete sich in jener Zeit ebenso eine Instrumentale Tradition erst in voller Breite aus. In der musikalischen Sprache wurde diese, bereits erwähnte, Formenvielfalt wiederum gebündelt von den nun auf zwei reduzierten Tonarten sowie dem Generalbass. Rein instrumentale Kompositionen wie auch instrumental-vokale Werke fußten gleichermaßen auf dem im Herkunftsland Italien "Basso Continuo" genannten Prinzip: Die Bassstimme wurde lediglich mit Ziffern versehen. Die Interpretierenden hatten die Aufgabe, anhand dieser Ziffern die passenden Akkorde zu finden. Das ermöglichte eine neuartige Übersicht über die Komposition, erlaubte Improvisation und fügte sich darüber hinaus in das Zeitalter: Der Dreiklang als Analogie zur Dreifaltigkeit, beruhend auf dem Bass.

Dem Himmel nahe

Denn der Reiz der Musik von Barock-Komponisten wie Henry Purcell oder Antonio Vivaldi liegt in jener Himmelsnähe, die später von den Oratorien und Kantaten des Johann Sebastian Bach und den Cembalowerken des Jean-Philippe Rameau in endgültiger Eloquenz komponiert wird. Ähnlich der Architektur des Barock scheinen sich diese Kompositionen aufzufalten, eine Berührung mit dem Göttlichen zu ersehnen.

Wohl hat deshalb die Musik des Barock so viele heute noch gespielte Werke wie sonst nur die Wiener Klassik hervorgebracht. Es ist eine Zeit der großen Gegensätze, die diese Energie entfacht. Mit historischem Abstand betrachtet wirkt die mystische Innerlichkeit dieser Zeit wie eine Reaktion auf die Säkularisierung der Religion, wie sie durch die Reformation seit Beginn des 16. Jahrhunderts eingesetzt hat. Die Distanz lässt auch die Auftragsarbeiten der großen Herrscherhäuser Europas wie einen letzten Willen erscheinen - die letzten Jahrzehnte vor der Mobilmachung des Bürgertums tanzen auf dem Vulkan.

In Anbetracht dieser so interessanten wie längst abgeschlossenen Zeit ist eine historisch informierte Aufführungspraxis nur zu begrüßen. Seit etwa 1950 ist es gerade die Barockmusik gewesen, die Anlass für derartige Bemühungen bot. Mit dem Erfolg des Dirigenten und Cellisten Nikolaus Harnoncourt hat sich diese Spielpraxis nach dem Zweiten Weltkrieg etablieren können: Insbesondre im Gebrauch der Instrumente, aber auch in der Interpretation strebt die historisch informierte Aufführungspraxis eine Klangbild an, wie es in der jeweiligen Zeit als angemessen empfunden worden wäre.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Heinrich Schütz, Jean-Baptiste Lully, Michael Praetorius, Dietrich Buxtehude,Georg Muffat, Domenico Scarlatti, Heinrich Ignaz Franz Biber

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Georg Friedrich Händel: Der Messias [1997]
Nikolaus Harnoncourt/ Concentus Musicus Wien: Retrospective '63 - '72 [1997]
Antonio Vivaldi: Die Vier Jahreszeiten [2000]
Johann Sebastian Bach: Magnificat [2001]
Henry Purcell: The Fairy Queen [2002]
Claudio Monteverdi: Madrigali Amorosi [2002]
Georg Philipp Telemann: Oboen Konzerte [2003]
Jean-Philippe Rameau: Cembalowerke [2004]

Interesse an klassischer Musik? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen zu diesem Thema an. Zum Beispiel in den Einträgen Im Mittelpunkt die Stimme (Belcanto), Klingende Selbsterfahrung (Musikalische Romantik) oder Es singt das lyrische Ich (Kunstlied).