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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Weihnachten und Jazz
Jazzy Christmas

 

Blue Notes unterm Tannenbaum: Weihnachtsjazz

Alle Jahre wieder kommt die Zeit für das festliche Repertoire. Der Jazz mit seiner großen afro-amerikanischen Tradition hat eine besonders innige Beziehung zu Weihnachten. So kommt es, dass es eine breite Auswahl an Compilations zum Thema "Weihnachten & Jazz" gibt - und einen besonders hohen Einsatz der bekanntesten Stimmen des Genres.

Für jeden Menschen ist die Geburt der Eintritt in das Leben. Für gläubige Christen hat der Begriff "Geburt" jedoch noch eine Bedeutung, die sie in einen mittelbaren Kontakt zu Gott bringt. Denn das "wiedergeboren werden" ist für weite Teile des Christentums ein unabdingbares spirituelles Erlebnis. Es wird gemeinhin mit der Taufe gefeiert. Hier beginnt schlicht gesprochen der Pakt mit Gott. Für das schwarze Amerika mit seiner Geschichte der Sklaverei ist diese symbolhafte Wiedergeburt seit jeher ein Akt des Trostes gewesen.

Es ist also verständlich, dass also auch in der afroamerikanischen Musik einerseits die Angst, dem Gottespakt im Leben nicht gerecht zu werden und so dem Teufel anheim zu fallen, weit verbreitet ist, etwa im Blues. Ebenso deutlich wird in weiteren Vorläufern des Jazz diese Wiedergeburt gefeiert. In den Spiritual- und Gospel-Songs einer Mahalia Jackson wie "He's My Light" oder "Jesus Is With Me" wird die Licht- und Geburtsmetaphorik offen kund.

Ein sinnstiftendes Religionsfest

Die Geburt Christi ist also das symbolhafte Ereignis der Hoffnung auf Erlösung in der Geschichte der Christianisierung des schwarzen Amerikas. So ist es allzuverständlich, wenn Jazz als die Klassische Musik der afroamerikanischen Geschichte einen ganzen Kanon von Weihnachtsliedern kennt. Immerhin hat sich der Glaube in den USA fest verankert, immerhin ist Weihnachten ein nach wie vor religiöses Fest. Im weitaus stärker säkularisierten Europa mag das anders sein, da bedeutet schon der Advent ein Set aus Ritualen und Symbolen, das mittlerweile wieder eher wie das Lichterfest der alten Naturreligionen des Kontinentes anmutet – Festschmuck und Beleuchtung, große Gaben und Weihnachtsmarktbesuche bestimmen den Ton.

In den USA hingegen bestimmt bei allem Konsum nach wie vor das Neue Testament das Weihnachtsfest. Ebenso wie viele der großen Popstars haben deshalb die großen Namen des Jazz ihre Weihnachtssongs aufgenommen, durchspickt mit Blue Notes. Die Geschichte des Weihnachtsliedgutes innerhalb des Jazz beginnt deshalb mit dem Jazz, und so reichen auch die Aufnahmen dieser Songs zurück bis in die Frühphase der Single-Produktion. Ethel Waters und Ma Rainey haben ebenso ihre Weihnachtslieder aufgenommen wie Bessie Smith, Billie Holiday und Ella Fitzgerald.

Besinnliche Stunden und Bibelgeschichten

Besonders die beiden letztgenannten Charakterstimmen sind schon zu Lebzeiten zu Berühmtheiten geworden. Das berüchtigte Trio vom etwas leichteren Fach, das Rat Pack also, hat zusammen kein ganzes Album aufgenommen. Jedoch konnte die Plattenfirma posthum ein Paket schnüren. Überhaupt hat der Fundus der Jazzgeschichte eine große Bandbreite an Zusammenstellungen mit Blue Notes für den Weihnachtsbaum ermöglicht. Wie im Falle von Frank Sinatra, Dean Martin & Sammy Davis, Jr. gibt es etwa auch eine posthume Compilation mit den großen Künstlern des Verve-Labels. Ja, so groß ist der Weihnachtsschatz des Jazz, dass sogar die Konzentration auf das Zuhause des Jazz eine wundervolle Kopplung ergibt: Putumayo presents A New Orleans Christmas lautet der Titel einer 2006 veröffentlichten CD.

Es ist ein Faible für das Geburtsfest Jesu Christi, das die europäischen Jazz-Kollegen angesteckt hat. Auch hier haben Soft Jazzer wie Til Brönner oder Silje Nergaard eigene Weihnachtsalben veröffentlicht, auf denen die Standards nicht fehlen. Auch hier gibt es posthume Zusammenstellungen aus der Frühzeit des Jazz, etwa die wunderbaren Weihnachtsaufnahmen eines Django Reinhardt. Es gibt jedoch auch immer wieder Ansätze, die einen bestimmten Aspekt des Weihnachtsfestes herausstreichen. So gelingt es dem Duo Gunnar Halle und Espen Eriksen auf dem aktuellen Album Meditations On Christmas, eine Stimmung des Innehaltens und Nachdenkens über das Leben einzufangen und zu verstärken. Ob Weihnachten also als christliches Fest begangen wird oder nicht, es bleibt ein inspirierendes Ritual für die Musiker und Musikerinnen aller Genres - und vor allem des Jazz.
(cb)

Empfehlenswerte Weihnachtsjazz-Compilations:

V.A.: Have Yourself A Merry Little Christmas [2007],, V.A.: Christmas With The Jazz Legends 3 [2009], V.A.: Verve Unmixed Jazz Christmas [2008], V.A.: Putumayo presents A New Orleans Christmas[2006], V.A.: A Swingin' Christmas [2004], V.A.: Jazz To The World [1995]

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Til Brönner: The Christmas Album [2007]
V.A.: Putumayo presents A Jazz & Blues Christmas [2008]
Django Reinhardt: Christmas Swing 1937-1938 [2008]
Nils Landgren: Christmas With My Friends II [2008]
Frank Sinatra, Dean Martin & Sammy Davis, Jr.: Christmas With The Rat Pack [2010]
Silje Nergaard: If I Could Wrap Up A Kiss (Silje's Christmas) [2010]
V.A.: In A Jazzymental Christmas Mood [2011]
Gunnar Halle & Espen Eriksen: Meditations On Christmas [2011]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Let Them Entertain You (US-Entertainerk), Der Kanon (Great American Songbook) oder Zeit der Gegensätze (Barock).