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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Skiffle
Industrial des kleinen Mannes

 

Mit Waschbrett statt Stahlrohr: Skiffle

Skiffle ist eine Musik von großem Einfluss: als die englische Arbeiterjugend in den 50er Jahren den Straßenjazz aus New Orleans aufgreift, spielt sie Songs der großen Folk-Songwriter wie Leadbelly. Mit den typischen Instrumenten Waschbrett, Seifenkistenbass und Kazoo machen auch Mitglieder der Beatles, Led Zeppelins oder der Bluesrocker Alexis Korner ihre ersten musikalischen Schritte.

Von jenen Musikstilen des 20. Jahrhunderts, die nur wenige Alben überliefert haben, darf Skiffle wohl zu Recht als die Musik mit dem größten Einfluss gelten. Technologische und strukturelle Umstände haben dazu geführt, dass die Musik der Jugendlichen Englands nach Rock'n'Roll und vor dem Beat nur selten vor Studiomikrofonen gespielt worden ist. Diese Gründe sagen schon einiges aus über den Skiffle.

Zunächst gehört Skiffle zu den Musikstilen mit besonders aktiver Beteiligung; wie bei der Wandervogel-Bewegung zuvor oder später Punk Rock und HipHop geht es beim Skiffle ums Mitmachen. Und da seine typischen Instrumente sich fast alle leisten können, selbst die Arbeiterkinder des nordenglischen Kohlenbeckens, wird Skiffle zur Musik der Jugend-Treffpunkte. Stars bringt die Musik fast keine hervor - allerdings ist die Liste der Musiker, die mit Skiffle anfangen und später erst zu Beat, Folk, Jazz oder Blues Rock wechseln, prominent besetzt.

Die Vorfahren des Skiffle kommen aus New Orleans und heißen Spasm und Jug. Spasm wurden die Kids genannt, die zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den Ragtime- und Jazzbands hinterherliefen. Dabei ahmten sie deren frische Musik auf selbstgebauten Instrumenten nach. Bis zu den 20er Jahren hatte sich dieses Vorgehen als populär erwiesen. Im ganzen Süden der USA gab es nun sogenannte Jug-Bands, die nach einem zu Zeiten der Prohibition beliebten Instrument benannt waren: der Jug war ein Krug oder eine bauchige Flasche, meist gefüllt mit Whiskey oder anderem Sprit. Der Alkohol wurde auf Partys in der eigenen Wohnung verkauft, damit die Miete erschwinglich blieb. Ein Slangwort der Schwarzen für diese Partys war "Skiffle".

Als die Musik der selbstgebauten Instrumente in den 50er Jahren wieder in Großbritannien auftaucht, ist ein Teil des alten Instrumentariums übrig geblieben: Waschbrett, Banjo, Seifenkistenbass, mit Papier verkleideter Kamm. Und auch die Kazoo zählt zu den charakteristischen Skiffle-Instrumenten. Sie ist eine Röhre. Ein Ende ist mit einer Papiermebran verschlossen, sodass jeder hineingesungene Ton verfremdet wird und nach Cartoon-Musik klingt.

Aus den Skiffle Lords werden die Lords

Zum Boom in Großbritannien und besonders im Norden Englands kommt es nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Swing der großen Big Bands klingt Jazz für eine Weile ziemlich standardisiert; und Jazz-Gruppen wie die von Ken Colyer - später übernommen vom Posaunisten Chris Barber - antworten darauf, indem sie Instrumente aus der Jug-Musik in ihre Live-Sets einbauen. Zehn Jahre später, also Mitte der 50er Jahre, ist Skiffle so populär, dass die Musik schon als Nachfolger des Rock'n'Roll gilt. Die Beatles, die Rolling Stones und Led Zeppelin, ebenso wie der spätere Blues Rock-Star Alexis Korner beginnen alle mit Skiffle-Musik.

Zum Höhepunkt der Skiffle-Zeit ist allerdings der Ire Lonnie Donegan der Star, der mit der Skiffle-Interpretation des Leadbelly-Songs Rock Island Line sogar in die britischen Charts einsteigt. Überhaupt zählt US-amerikanischer Folk zum Standardrepertoire des Skiffle; daneben werden Dixieland- und Bluegrass-Songs gespielt.

In Deutschland kommt der Skiffle etwas zeitversetzt an, um dann aber einen ähnlichen Verlauf zu nehmen wie in Großbritannien. Auch hier wird Skiffle zur Musik mittelloser Jazzbegeisterter; und auch hier schafft sie eher regionale Kneipengrößen als Stars mit starkem Nachhall. Wie in Großbritannien die The Beatles zum Beat übergehen, so wandeln sich etwa die Skiffle Lords um zur Beat-Gruppe The Lords. Ein internationales Netzwerk Skiffle-Begeisterter existiert bis heute.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Sunday Skifflers, Leinemann, Bourbon Skiffle Company, The City Ramblers, The Ugly Dog Skiffle Combo

Schlüsselalben dieses Genres sind:

The Vipers Skiffle Group: 10.000 Years Ago [2000]
Chas McDevitt: The Chas McDevitt Skiffle Group [2000]
V.A.: Skiffle ? As Good As It Gets [2000]
Wally Whyton: Children Songs Of Woody Guthrie [2000]
Johnny Duncan: Last Train... From Tennessee To Taree [2001]
Lose Skiffle Gemeinschaft Leipzig-Mitte: Triebe [2003]
Chris Barber: Jubilee Stomp 1953 - 2003 [2003]
Lonnie Donegan: Lonesome Traveller [2005]