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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Fusion
Zusammen, was nicht zusammen gehört

 

Irgendwie Jazz, irgendwie Rock: Fusion

Fusioniert wird alles in der Musik, die sie "Fusion" nennen. Doch zwei grundlegende Stile sind es dann doch, zwischen denen ein Jimi Hendrix oder der Miles Davis der späten 1960er Jahre als Stilpräger immer wieder hin- und herpendeln: Jazz und Rock. So ist Fusion das musikgewordene Prinzip des Jahrzehntenwechsels von der '60 zur '70: Alles ausprobieren.

Nein, ein Zufall ist es nicht, dass die Musiken, die man später unter dem Begriff "Fusion" zusammenfassen wird, in der gleichen Zeit passieren wie der Psychedelic Rock. Der Geist der Erkundung weht durch die Welt und ihre menschlichen Bewusstseine: Mondlandung, Bürgerechtsbewegung in den USA, der Kampf um mehr Demokratie innerhalb jener westlicher Gesellschaften, in denen die Demokratie bereits Gesellschaftsordnung ist. In allen Künsten schlägt sich dieser Geist nieder. So auch in der Musik: Jimi Hendrix etwa nennt seine Band "Experience", denn es ist die Zeit, in der man sowohl neue individiduelle als auch kollektive Erfahrungen sammeln möchte.

So klingt durch die Musik von Hendrix immer die schwarze Musikgeschichte durch. Dennoch aber gelingt es ihm wie kaum einem anderen Gitarristen, nie gehörten Lärm zu verursachen, der mühsam entschlüsselt werden will. In seinen Rocksongs - als solche werden Hendrix-Stücke wahrgenommen - rückt er also nah an das Ethos des Free Jazz heran: Spiele so frei wie möglich!

Mit einigem Recht könnte man deshalb Jimi Hendrix als einen frühen Jazzrocker bezeichnen, ist seine Musik doch ohne die Geschichten dieser Musiken nicht denkbar. "Fusion" oder auch "Jazzrock", bei erster Vokabel aus der Geschichte liegt eben die Betonung stärker auf dem Prozess, in dem bei all diesen Bands etwas zusammenführt wird, was nicht zusammen gehört; bei zweiter werden eben die Stile ins Spiel gebracht, die in all den Fusionsvorgängen immer eine Rolle spielen.

Denn Hendrix ist kein Einzelkämpfer: Nicht nur in den USA, sondern auch in England reissen Bands wie The Soft Machine und Colosseum die Struktur- und Harmoniemauern von gleichzeitig Jazz und Rock nieder. Dort wird es später - wie auch in den USA - ein Jazzer sein, der ein mustergültiges Album der Fusion veröffentlichen wird: So durchfusioniert wie das von John McLaughlin gegründete Mahavishnu Orchestra klingt kaum jemand. Die Harmonien kommen aus einer anderen Kultur, noch öfter aus einer anderen Welt, noch öfter aus einer anderen Galaxie. Gleiches lässst sich über die Spiellaune des Orchesters auf dem Album The Inner Mounting Flame aus dem Jahr 1972 sagen.

Es ist schon ein später Höhepunkt der Fusion-Musik. Mit dem Beginn der 70er Jahre bildet sich ein ganzer Fusion-Markt heraus. Manches, was musikalisch glänzt, verkauft sich auch - allen voran Carlos Santana und Frank Zappa. Weitere Key-Player der Fusion wie Chick Korea und Herbie Hancock schaffen auch dann noch schöne Werke, als sie sich akustischen Instrumenten und generell Fusion-als-Kammermusik zuwenden.

Doch entsteht in dieser Zeit eben auch jener Sound, wie er etwa durch die TV-Serie "Alf" berüchtigt wurde. Oder durch Hotel-Fahrstühle. Für diese "Pril ist härter"-Musik zeichnen etwa David Sanborn und Pat Metheny verantwortlich. So bleibt es denn, den einen großen Innovator, den es in dieser Musik tatsächlich gab, ganz am Ende allen Respekt zu zollen. Mit drei Keyboards und mehreren E-Gitarren kreiert Miles Davis auf Bitches Brew im Jahr 1969 erst so richtig das Bedürfnis, ein Wort wie "Fusion" überhaupt erfinden zu wollen. Alles frei, besonders der Geist. Und die Gabe der Musiker, die auf diesem Album in Davis' Band spielen: Organist Joe Zawinul, dazu John McLaughlin und Chick Korea, Jack De Johnette und Dave Holland.
(cb)

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Jimi Hendrix: Electric Ladyland [1968]
Miles Davis: Bitches Brew [1969]
Weather Report: Weather Report [1971]
Mahavishnu Orchestra: The Inner Mounting Flame [1972]
Frank Zappa: Over-Nite Sensation [1973]
Herbie Hancock: Head Hunters [1973]
David Sanborn: Hideaway [1979]
Defunkt: Thermonuclear Sweat [1982]