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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Free Jazz
Astral Travelling

 

Ausbrechen aus der Ordnung: Free Jazz

Im Verlauf der 60er Jahre gerät die Welt des Jazz aus den Fugen. Beinah zeitgleich erarbeiten sich Ornette Coleman und John Coltrane neue musikalische Systeme, die zwar nicht "frei" im Sinne totaler Beliebigkeit sind. Doch der Jazz erhält durch die beiden Saxofonisten, durch Sun Ra oder später das Art Ensemble Of Chicago erweiterte Möglichkeiten zur Improvisation.

Der Begriff "Free Jazz" zählt dabei auch innerhalb der Jazz-Szene zu den besonders umstrittenen Labels, legt er doch eine völlige rhythmische und harmonische Freiheit nahe, die kaum einer der bekannten Namen des Free Jazz je beabsichtigt hat. Er geht zurück auf ein Album von Ornette Coleman: Free Jazz erschien im Dezember 1960. Es ist die erste Aufnahme des Jazz, die vornhemlich auf Improvisation beruhte - zum Teil noch geleitet durch die Handweisungen des Saxofonisten, der hier sein Quartett zu einem Doppel-Quartett ausgebaut hatte.

Etwa zeitgleich mit Ornette Coleman versuchte auch Tenorsaxofonist John Coltrane, den harmonischen Rahmen des Jazz zu erweitern. Um sich und seinem Ensemble mehr Flexibilität im Zusammenspiel zu ermöglichen, entwickelte er die sogenannte modale Spielweise. Innerhalb dieses Systems sind für ein Stück Musik beliebige Akkordbildungen möglich. Nicht auf festgelegten Mehrklängen beruht nämlich das modale Musizieren, sondern auf einer je vorher festgelegten Tonskala. Wieviel Coltranes Idee zu einem tief empfundenen Zusammenspiel beitragen konnte, bewies 1964 das Album A Love Supreme: eine in himmlischen Höhen und der Tiefe des Ichs nach Gott suchende Hymne in vier Teilen, die bis heute als eines der großen Werke des Jazz überhaupt gilt. Zu Recht.

In der Folge ging John Coltrane auf die Suche nach weiteren musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Nicht zufällig entdeckte der tief gläubige Christ dabei die Notenskalen der arabischen und indischen Musik, denn die Musik des Islam und des Hinduismus verfügen über ein reiches Vokabular der Lobpreisung Gottes. Nach seinem Tod 1967 setzten zwei Mitglieder der Band Coltranes das modale Spiel in ihrer eigenen Ausdrucksweise fort.

Coltrane und die Folgen

Seine verwitwete Ehefrau Alice Coltrane, Organistin, Pianistin und Harfenistin, wandtte sich verstärkt der fernöstlichen Philosophie zu, und spielte in den Siebziger Jahren so etwas wie Weltjazz im besten Sinne ein. Saxophonist Pharoah Sandershingegen wurde mit seiner 1969 LP Karma selbst zu einem der weithin anerkannten Tenorsaxofonisten; sein Spiel ist gleichermaßen geprägt von Innerlichkeit, Humor, Exzentrizität und Glaubwürdigkeit. In diesem Zuammenhang sei noch Albert Ayler zu nennen, dessen explosives Spiel an Tenor- und Altsaxofon auch Einfluß auf das Spätwerk John Coltranes hatte.

Seinen eigenen Mythos hingegen erfand der Universalentertainer und Bandleader Sun Ra, der sich als Gesandter aus dem Weltall betrachtete und dessen Sinn für Kostümierung ihm Respekt bei Deutschlands großem Jazz-Entertainer Helge Schneider einbrachte. Sun Ra fügt sich in keine Geschichte ein, auch nicht in die des Jazz; einige seiner Kompositionen des 60er Jahre mitsamt der großen Weltall-Erzählung aber folgen ebenso der Moral der Weltveränderung durch positiven Geist wie die religiösen Topoi der bereits Genannten.

Ende der 60er Jahre wurde mit dem Art Ensemble Of Chicago dann eine politische Stimme im Free Jazz laut; die Stücke des Ensembles klingen zwar weitaus nüchterner, doch ebenso dringlich wie die spirituell Motivierten des Free Jazz. In Europa wurde von Free Jazz schließlich in erster Linie die Radikalität aufgenommen und etwa von Alexander von Schlippenbach und Peter Brötzmann als aufgeputschter Jazz wieder ausgespuckt. Große Namen hat der Free Jazz seit jenen späten 60er Jahren nicht mehr produzieren können.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Lennie Tristano, Cecil Taylor, Eric Dolphy, Archie Shepp, Roscoe Mitchell, World Saxophone Quartet

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Ornette Coleman: Free Jazz [1960]
John Coltrane: A Love Supreme [1964]
Art Ensemble Of Chicago: A Message To Our Folks [1969]
Pharoah Sanders: Karma [1969]
Alice Coltrane: Universal Consciousness [1971]
Sun Ra: Space Is The Place [1972]
V.A.: Universal Sounds Of America [1995]
Albert Ayler: Holy Ghost [2004]