Start | Genres  | Jazz | Cool Jazz

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Cool Jazz
Kühle Arroganz oder intimer Kuscheljazz?

 

Von der urbanen Hitze New Yorks ins entspannte Kalifornien: Cool Jazz

Nach der nervösen Unruhe und ungehemmten Expressivität des Bebop nimmt es nicht Wunder, dass die schnelllebige Jazzgeschichte mit einer Art Gegenmodell reagierte. Diese Stilistik zeichnete sich durch eine ganz besondere Spielweise aus - und der Name war Programm: Cool Jazz. Miles Davis hat schon zu Bebop-Zeiten entspannt gespielt, Lennie Tristano lieferte geradezu barock-kühle Kompositionen und das lyrisch-verhaltene Trompetenspiel eines Chet Baker wurde zum Markenzeichen des Cool Jazz.

Bebop war Anfang der fünfziger Jahre populär, doch er hatte nie den kommerziellen Erfolg wie sein Vorgänger, der Swing. In diesen Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit für Musiker kristallierte sich (zwangsläufig) eine Reihe von Strömungen (Rückbesinnnung auf Altes, Experimente mit Neuem) heraus. Darunter sollte der sich Cool Jazz als beständig erweisen. "Cool" heisst natürlich in erster Linie kühl, kalt jedoch war diese Musik nie: "Entspannt", "souverän", "ernst und frei von showmanship" treffen den Cool Jazz eher.

Pianist und Komponist Lennie Tristano packte diese Spielweise erstmals in ein fassbares Konzept. Transparente, an der europäischen Klassik orientierte Kompositionen, lineare, singbare Melodien bei intelligenter Verwendung des harmonisches Materials machten ihn weniger beim breiten Publikum als beim Feuilleton berühmt. Aus dem Kreis der Tristano-Schule.gingen u.a. Altsaxophonist Lee Konitz , Tenorist Stan Getz und Gitarrist Billy Bauer hervor.

Schon früher, 1948, hat Miles Davis den Grundstein für den Cool gelegt. Mit dem Miles Davis-Capitol-Orchestra, einem ebenso großen wie kurzlebigen Ensemble hat er die ebenso grandiosen wie komplizierten Arrangements von Gil Evans eingespielt. Titel des Albums: Birth of the Cool. Evans und Tristano haben sich ehrgeizig am intellektuellen Überbau der Musik abgearbeitet, Legende Chet Baker dagegen lieferte die emotionale Basis: intim, melancholisch, oft mit resignativem Unterton, war er der schöne, traurige Held dieser Zeit - aber auch der "wärmste" unter den Cool Jazzern. Sein blendendes Aussehen (vor seinem exzessiven Drogenkonsum), trug maßgeblich zu seiner lang anhaltenden Popularität bei. Auch seine Musik war im Wortsinn schön, für viele Puristen zu kuschelig (noch heute wird er gerne in Kompilationen gepackt, die "Jazz for Lovers" o.ä. heißen). Mehr Respekt brachte ihm die Zusammenarbeit mit Baritonsaxophonist Gerry Mulligan ein: Der spröde Klang des Quartetts (ohne Harmonieinstrument) wurde zu einem Inbegriff von "Cool".

Interessanterweise gedieh der Cool Jazz besonders gut im warmen Klima Kaliforniens. Das kammermusikalische, klassizistische Element, aber auch das Glatte, Gefällige, fiel hier, im Zentrum der Unterhaltungs- und Filmindustrie auf fruchtbaren Boden. Grob gesagt war Cool Jazz wesentlich "West Coast Jazz" - die innovativen Impulse gingen (wie fast immer) von New York aus, den Erfolg aber feierte der Cool Jazz an der Westküste.

Weiter Meister dieser Strömung sind:

Warne Marsh, Shelly Manne, Shorty Rogers, Howard Rumsey, Connie Kay, Percy Heath, Jimmy Guiffre, Stan Kenton, John Lewis, The Modern Jazz Quartet

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Miles Davis:Birth of the Cool [1949]
Lennie Tristano: Crosscurrents [1949]
Modern Jazz Quartet: Modern Jazz Quartet [1952]
Shelly Manne - The West Coast Sound: Shelly Manne & His Men [1953]
Chet Baker: Complete Pacific Jazz Studio Recordings of the Chet Baker Quartet [1953]
Jimmy Guiffre: Tenors West [1955]
Shorty Rogers: West Coast Jazz [1956]
Gil Evans: Out of the Cool [1961]
Gerry Mulligan: Carnegie Concert, Vol.1 and 2 [1974]