Start | Genres  | Jazz | Acid Jazz

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Acid Jazz
Steck den Funk wieder rein

 

Für die Retro-Tanzflächen: Acid Jazz

Während Ende der 80er Jahre in Großbritannien mit aller Wucht die großen Raves abgehen, setzt sich eine live gespielte Musik durch, die ebenso wie ihre Maschinen-Verwandten Acid House und Techno auf sich wiederholende Grooves fußt: Acid Jazz. Galliano rappen dazu, während das James Taylor Quartet nahe am Orgel-Jazz spielen und Omar oder die Young Disciples ziemlich Soul-lastig klingen.

Von der Mitte der 80er Jahre an wird die Maschine zum massentauglichen Instrument. Das wirkt besonders auf die Musik für die Clubs: aus Detroit schwappt Techno nach Europa, und von Chicago und New York aus liefern die 303-, 808- und 909 Drum Machines den mechanisierten Beat für die Tanzflächen. Gegen Ende des Jahrzehnts wälzt diese Entwicklung die Kultur der Popmusik um: Tausende von Jugendlichen treffen sich in abgehalfterten Lagerhallen oder gleich im Grünen, bringen eine Sound-Anlage mit und tanzen, schwitzen, feiern. In Deutschland wird "Tekkno" ausgerufen, in Großbritannien liebt man Acid House und Rave - letztgenanntes als dazugehörige Kultur des schwitzenden Körpers mitsamt spezifischer Drogen wie Ecstasy und LSD, After Hour und sportlicher Mode in leuchtenden Farben.

Mit etwas zeitlichem Abstand wirkt Acid Jazz als parallele, humanistische Entwicklung zu dieser Kultur, deren Theoretiker gerne mit dem Zeitalter des Posthumanen, also "Nach-Menschlichen" flirten und diese Epoche bereits mit den mechanisierten Beats und vereinzelten Körpern des Rave anbrechen sehen. Dagegen Acid Jazz: Schon der Begriff wirkt ja paradox. Das "Acid" spielt weniger auf die Droge als vielmehr die Kultur des Loops, also des ständig wiederholten Beat-Musters an. Jazz dagegen steht bis heute für ein Zusammenspiel von Virtuosen ihres jeweiligen Instrumentes. Außerdem knüpfen die meisten Musiker des gegen Ende der 80er Jahre zunächst in London aufkommenden Acid Jazz an eine ganz spezielle Art des Jazz der 60er Jahre an: Soul Jazz.

Wenn ein als Gottgleich verehrter DJ Gilles Peterson am Sonntagmorgen ins Dingwalls nach London ruft und Galliano oder die Brand New Heavies als Live-Act angekündigt sind, dann ist das Ende der 80er Jahre ein Großereignis, für das man gerne lange Schlange steht. Und vor den neuen, heißen Namen kommen erst mal die Vorbilder, gemixt an zwei Plattenspielern - und nur die Hymnen eines Coltrane werden ganz ausgespielt: Donald Byrd mit seinen Gospelchören, Orgel-Groover Jimmy Smith oder die Jazz Crusaders mit ihrem Funk. "Talkin' Loud And Sayin' Somethin'" nennt Peterson diese Partys, während derer auch afro-kubanische Musik - ob Salsa oder Jazz - nie fehlen. Aus ihnen geht mit "Talkin' Loud" das Label hervor, das wie sonst nur die Firmen "Acid Jazz" und "Soul Jazz" die wegweisenden Acid Jazz-Künstler hervor bringt.

Begnadete Tänzer und Radio-Hits

Neben den bereits genannten Galliano und Brand New Heavies sind das unter anderem: Omar mit seinem unglaublich beseelten, soften Soul; die Young Disciples mit ihrer Thematisierung schwarzer (Unrechts-) Geschichte; das James Taylor Quartet mit Orgel-Jazz; Saxophonist Courtney Pine, der als ausgebildeter Musiker von der akademischen Seite her den Groove und den DJ in seine Musik mit einbezieht. Zum Star im Mainstream schafft es der begnadete Tänzer, Brand New Heavies-Mitbegründer und Stevie Wonder-Stimmenimitator Jamiroquai, den Hit mit nachhaltiger Radio-Wirkung aber landen US 3 mit ihrem Cantaloop, das auf einem Sample aus Herbie Hancocks Cantaloupe Island basiert.

In den USA dagegen schafft es Acid Jazz nie, sich als eigene Musik durchzusetzen. Dennoch aber spielt Jazz im HipHop der späten 80er und frühen 90er Jahre zunehmend eine Rolle; ob in Samples bei De La Soul und A Tribe Called Quest oder dem späteren Jazz Rap-Projekt des Gang Starr-MCs Guru: In Jazzmatazz bringt er Sänger und Sängerinnen der damals aktuellen Musik mit alten Jazzern zusammen. Gegen Mitte der 90er Jahre verflüchtigen sich die diversen Impulse des Acid Jazz und gehen ein in neue Sounds wie TripHop und Nu Jazz.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Incognito, Carleen Anderson, Greyboy, Marxman, Corduroy, United Future Organization, The Sandals

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Galliano: In Pursuit Of The 13th Note [1991]
Omar: There's Nothing Like This [1992]
The Brand New Heavies: The Brand New Heavies [1992]
Jamiroquai: Emergency On Planet Earth [1993]
The James Taylor Quartet: The BBC Sessions [1995]
Courtney Pine: Modern Day Jazz Stories [1995]
V.A.: The Roots Of Acid Jazz [1996]
V.A.: Phials Of Acid Jazz [2001]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Tanzen beim Gottesdienst (Soul Jazz), Zusammen, was nicht zusammen gehört (Fusion) oder Als Cooder kam (Kubanischer Son).