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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Deutschsprachiger Rap 2000-2010
Superhelden am Mikro

 

Rap in Deutschland: Die zweite Welle

Im Rap ist die Beschönigung des sprechenden Egos von Anbeginn an üblich. Die Mittel reichen von der ironischen Übertreibung bis hin zur Angeberei. Der Durchbruch hin zum Mainstream bewirkt ein Steigerungsspiel. MCs werden bekannt, die sich wie Comic-Figuren inszenieren. Nicht bloß in den USA: Auch in den deutschsprachigen Ländern kreieren Azzad, Sido oder Bushido überlebensgroße Kunstfiguren. Das führt zu öffentlichen Kontroversen.

Gegen Mitte der 1990er Jahre ist HipHop vollends im Pop-Mainstream angekommen. So ganz und gar: Snoop Dogg und später Eminem landen nicht nur regelmäßig Nr. 1-Hits rund um den Globus. Es ist ihr ganzes Auftreten, das Schule macht. Hosen so weit wie Bettdecken, die Oberarme beim Reden ständig in Aktion, der Kopf nickt immer ein wenig. Das ganze Set an Selbstdarstellungsweisen prägt die Jugendlichen dieser Zeit. Mitunter mutet es an wie Gehabe.

Das führt zu einem Steigerungsspiel. Denn zu dem Erfolg gesellt sich im Rap ja immer schon eine Spirale der Übertreibungen, wie sie vor allem im Battle-Rap Tradition hat. Es geht in den Texten immer wieder darum, wer sich selbst in den prahlerischsten Versen beschreiben kann. Von der ironischen Übertreibung bis hin zum plumpen Angeben ist in den gesprochenen Reimen alles möglich. Bis kurz nach der Jahrtausendwende ungefähr können die Plattenfirmen auch noch große Budgets ausgeben für Stars wie Jay-Z. Die überlebensgroßen MCs werden geboren.

Auch in den deutschsprachigen Ländern. Nachdem sich zunächst Hamburg und Stuttgart als Zentren des deutschsprachigen Rap etabliert hatten, rückt nun Berlin zunehmend in den Mittelpunkt. Etwa Eko Fresh und Kool Savas, die Nachrichten aus den sozial unterprivilegierten Wohngegenden der Stadt schicken und diese mit Porno-Schick etcetera schmücken. Um die Drastik der Reime zu verstehen ist die Herkunft eines MCs aus dem Battle Rap unerlässlich. In seinen frühen Jahren gehört Kool Savas zu MOR (Masters Of Rap), einem wichtigen Berliner Battle-Zusammenschluss. Die Drumprogrammierung übernimmt sowohl für Savas als auch für Fresh die wichtigste HipHop-Produzentin der Stadt und für eine Weile gar des Landes: Melbeatz. Eine zeitlang bilden sie und Kool Savas ein Paar.

Nachdem Eko Fresh und Kool Savas in eine Fehde miteinander geraten, macht Fresh eine Weile in Casting-Shows Karriere. Das macht den Weg frei für die harten Machos von Royal Bunker, Aggroberlin und Ersguterjunge: Bei Die Sekte rappt ein junger Sido, der wenig später mit dem Rap über sein eigenes Wohnviertel "Mein Block" einen der meistzitierten Rap-Hits deutscher Sprache landet. Die Reime klingen ebenso heftig wie die seines Kollegen Bushido: In einer zuweilen zur Langeweile hin tendierenden Regelmäßigkeit werden Frauen und Mädchen als "Nutten" oder in anderer Form diskreditiert.

Party und Mäßigung

Jedoch wäre es jetzt zu einfach zu sagen, dass etwa auch die Verse eines Azad aus Frankfurt als bloßer Comic abgetan werden könnten. Vielmehr spiegelt sich im Battle- und Street Rap das allumfassende Umsichgreifen des Rap. Und die deutschsprachige Öffentlichkeit ist die Drastik der Sprache der Unterschicht nciht gewohnt gewesen – sie hatte zuvor ja auch kein Sprachrohr. Selbst Punk war in erster Linie eine Selbstbefragung der Mittelschicht. So gipfelte die Kontroverse um die krassen Macho-Rapper im Jahr 2011 in der leidenschaftlichen Debatte um den Bambi für Integration an Bushido.

Die einen sahen in dem MC in erster Linie einen jungen Mann, der es trotz äußerst widriger Umstände zu Ansehen gebracht hat – die Gegner thematisierten Bushidos immer wieder frauenfeindlichen, homophoben Texte. Zusammen feiern konnte man trotzdem: Die Live-Shows von Electro-Rap-Bands wie Deichkind aus Hamburg gehören ebenso zu den HipHop-Phänomenen der Nuller Jahre. Auch Frittenbude und K.I.Z. werden bekannt für ihre Live-Brachialitäten. Später treten Kraftklub auf den Plan – und, wie eine Gegenreaktion auf die Härte der zurückliegenden Jahre, die Verständigen. Neue Stimmen wie Flo Mega, Marteria und Chartstürmer Casper.

Weitere Meister dieses Genres sind:

B-Tight, Lexana, Fler, Bass Sultan Hengzt, King Orgasmus One, Prinz Pi, Fly Bee

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Kool Savas: Der beste Tag meines Lebens [2002]
Deichkind: Noch fünf Minuten Mutti [2002]
Eko Fresh: Ich bin jung und brauche das Geld [2003]
Sido: Maske [2004]
Azad: Der Bozz [2004]
Melbeatz: Rappers Delight [2004]
Bushido: Zeiten ändern dich [2010]
Casper: XOXO [2011]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Soviel Soul auf einmal (Philly Soul), Echo des Halls (Dub) oder Krauts mit Attitude (Rap deutscher Sprache). (cb)