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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

MC (Master Of Ceremony)
Am Anfang war...

 

...der Priester? Die Vorgeschichte des Rap-MCs

"Mic Controller" - der Typ oder die Frau am Mikro, das ist ein MC. So hat es sich eingebürgert, seit HipHop und Rap den Begriff des "MCs" in den allgemeinen Sprachschatz einschleusten. Doch Snoop Dogg, Guru und Kurtis Blow, ihr Rappen hat eine lange Vorgeschichte. Und die steckt hinter dem, was "MC" tatsächlich bedeutet: Master of Ceremony.

Dieser "Zeremonienmeister" kann in der Zeit vor HipHop sowohl religiöse als auch weltliche Feiern leiten. Im Englischen bezeichnet der Begriff ursprünglich die Person, die eine christliche Messe organisiert und Verantwortung für deren Durchführung trägt. Gleichzeitig zeigt sich die weltliche Tradition dieser Person, wenn Show-Entertainer oder die Anführer des Grand March im Square Dance als "MC" bezeichnet werden.

Durch die Vorgeschichte des Rap als ursprünglich afroamerikanischer Musik verorten sich jedoch viele der bekannten MCs auch in einer spezifisch-afrikanischen Vorgeschichte: Wenn etwa ein Chuck D von Public Enemy gegen Ende der 80er Jahre fordert, Rap müsse als schwarze Alternative zum Nachrichtensender CNN funktionieren, dann spielt er damit auf die Instanz des Griots an. In Westafrika hatten - und haben teils bis heute - diese Wortkünstler die Aufgabe, die Geschichte weiter zu erzählen. Besonders in Gesellschaften mit hoher Analphabetismus-Rate kommt dieser Figur ein hohes Maß an Verantwortung zu.

Das Entscheidende ist der mündliche Vortrag - und der wird in den USA in den 60er Jahren im großen Stil wieder entdeckt. Wofür ein Walt Whitman schon Mitte des 19.Jahrhunderts den Weg geebnet hat, das kommt in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts voll zur Geltung: Die Beat-Poeten feiern eine Lyrik des gesprochenen Wortes. Sexuell explizit in einer prüden Umgebung, die Weite der Straße und den Rausch suchend, das verbindet die sonst so unterschiedlichen Lawrence Ferlinghetti, William S. Burroughs, Allen Ginsberg oder Jack Kerouac.

Das Wort und der Beat

Zu den modernen Vorläufern des Rap macht sie, ebenso wie gleichzeitig die Dichter der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das Aufführen der Gedichte zu live gespielter Musik. So tritt Ginsberg in der von George Gruntz komponierten Jazz-Oper "Cosmopolitan Greetings" auf. Und ein afroamerikanischer Dichter wie Amiri Baraka führt seine politisch radikalen Gedichte zum utopischen Jazz des Sun Ra Arkestra auf. Auch Gil Scott-Heron und die Last Poets machen jene afro-zentrische - also die spezifische Geschichte eines schwarzen Amerikas ins Bewusstsein bringende - Straßen-Poesie zu Live-Musik, die als direkter Vorläufer des Rap gesehen werden kann. Zwar spielt hier der Reim eine weniger große Rolle als später im HipHop; dennoch ist der Rhythmus, speziell in seinen synkopierten Formen, von weitaus größerer Bedeutung als in der geschriebenen Poesie.

Als schließlich Melle Mel 1981 zu den Beats von Grandmaster Flash seine Message rappt, da zeichnet sich jener sozial-realistische Kommentar ab, den Rap von da an bis in die Gegenwart ausmachen wird - auch wenn im Zuge der Kommerzialisierung seit den 90er Jahren eine "Larger than Life"-Lyrik die kommerziell ausgelegten MCs wie zum Beispiel 50 Cent prägt. Wie die Griots vor der Verschleppung aus West-Afrika in Richtung Karibik und Nord-Amerika, erzählen von da an die Rap-MCs, wo sie herkommen, wie es da aussieht, wie es im Alltag zugeht.

Mit den formal experimentierfreudigen MCs, wie zum Beispiel Ursula Rucker, Beans oder Mike Ladd, lebt dann auch die Geschichte der Spoken Poetry, der gesprochenen Poesie weiter. Sie veröffentlichen nicht nur Alben, auf denen sie zum Beat ihre Geschichten erzählen - seit den 90er Jahren treten einige Wortkünstler zudem auf die Bühnen der Poetry Slams und der live vorgetragenen Poesie.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Floetry, Urban Poets Society, Lord Buckley, Ken Nordine, Babs Gonzales, Amina Baraka, Linton Kwesi Johnson, Mutabaruka

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

The Last Poets: This Is Madness [1971]
Gil Scott-Heron: Winter In America [1973]
Amiri Baraka: New Music New Poetry [1982]
Diamanda Galas: Litanies Of Satan [1982]
Allen Ginsberg: Howl And Other Poems [1998]
Jill Scott: Who Is Jill Scott? [2000]
Saul Williams: Saul Williams [2005]
V.A. (Spoken Word Berlin): Poetry Clips DVD [2005]