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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Techno
Der Körper als Maschine

 

Erst Subkultur, dann Subindustrie: Techno

Wie sonst nur HipHop bestimmt Techno die Jugendkulturen seit Ende der 80er Jahre. Aus Synthie Pop und Disco erwächst der Sound zunächst in Detroit. Doch nachdem Produzenten und DJs wie Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May alias Rhythim Is Rhythim dort ihre ersten Erfolge feiern, schwappt Techno auch bald nach Europa über - zeitgleich mit House. Daraus erwächst eine Stilvielfalt, die bis heute stetig Zulauf erhält.

Die Techno City ist bis heute Detroit. Hier wird der Musikstil erfunden, der später eine komplette Jugendbewegung mit allen Dynamiken wie Aufspaltung in Unter-Kategorien, Kommerzialisierung, Massenbewegung und Rückkehr in einen musikalisch aufregenden Untergrund entfachen wird. Doch bevor es soweit ist, hantieren die frühen Protagonisten eine ganze Weile im Verborgenen. Für die Schulfreunde Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May, die später "Belleville Three" genannt werden sollen, spielen eben James Brown und Disco, Krautrock und Kraftwerk eine ebenso bedeutende Rolle wie Synthie Pop. Bis auf Charles Johnson, den DJ der Detroiter Radiosendung "Electrifying Mojo", interessieren sich zu Beginn der 80er Jahre nur wenige für eine solch große Schnittmenge.

Doch als die Drei aus genau jener Menge von Klängen ein neues Konzentrat herausarbeiten, ist die Überraschung groß: Die Mechanik der ersten Drum Machines durchwirkt futuristische Synthesizermelodien. In den ersten Jahren dieser bald als Detroit Techno gebrandeten Musik behilft man sich noch mit weiteren Schlagwörtern; "Mechano" ist angesichts der Maschinenmenschen-Ästhetik eines, das sich auch fast durchgesetzt hätte. Denn auch dieser Begriff bringt die durchgehend im 4/4-Takt pulsierende Bassdrum und auch die zuckende Art zu tanzen gut auf den Punkt, die diese dem Körper aufschwatzt. Techno aber fasst noch etwas, das in frühen Detroit-Tracks wie "Techno City" oder "No Ufos" enthalten ist: eine von traditionell menschlichen Gefühlen freie Energie, die nichtsdestotrotz heftig auf den Körper im Club einwirkt.

Zum Phänomen und wieder zurück

Zur etwa gleichen Zeit landen in den späten 80er Jahren House aus Chicago und Techno aus Detroit in Europa, Japan und weiteren Einflusszentren des Westens. Dort entwickelt sich Techno dann zum Oberbegriff vieler Stile, an die sich eine komplette Art der Mode, des Ausgehens, also ein jugendlicher Lebensstil koppelt. Überall begeistern sich junge Leute für diesen neuen Sound, lässt er doch die Geschwindigkeit der Zeit mitsamt ihrer neuen digitalen Spiel- und Kommunikationsgeräte mitschwingen. In England sind es um 1990 LFO oder die Nightmares On Wax, die mit ihren Tracks neue Sounds wie den Bleep und den Clonk einführen. Allmählich werden auf der Insel dem Reggae entlehnte Offbeats in Techno eingeschleust - so entstehen allmählich Jungle und Drum'n'Bass.

Auf dem europäischen Festland dagegen mag man es so geradeaus wie möglich - in Berlin, Brüssel, Rotterdam schreit man Tekkno, Abfahrt, Gabba. In der Spreestadt, deren Mauern in jener Zeit eben erst gefallen sind, herrscht sowieso eine gründliche Feierlaune, und mit Clubs wie Tresor und Bunker zieht man zeitweise sogar eine neue Generation Detroiter-Produzenten in die Stadt. Der begnadete DJ Jeff Mills lebt hier für einige Zeit. Westbam, auch ein Mixer mit Sinn für Überraschungen, gehört zu jener Clique, die 1989 erstmals eine Parade über den Ku'damm tanzen lässt. Schon drei, vier Jahre später steigen die Sponsoren mit ein und die Kommerzialisierung von Techno setzt ein.

Die Clubs der Enthusiasten

Wenn aber auch Sauflieder und Teenie-Pop ab Mitte der 90er Jahre ungefähr versuchen, den Ruf der Musik kaputt zu machen - es gelingt ihnen nicht. Nachdem die Love Parade an sich selbst zugrunde geht und Euro Dance die Musik in schale Schablonen zwängt, geht Techno einfach da weiter, wo der Sound all die Jahre seit der Entstehung in Detroit eben auch immer verbracht hat: In den kleinen Clubs der Enthusiasten. Mittlerweile sind die Subgenres Legion - Trance, Big Beat, Electroclash, das Revival des Funk Punk. Doch der anhaltende Forschungswille eines Richie Hawtin ist ein Beispiel dafür, dass die letzten Zeilen dieser Technologie-basierten Musik längst nicht geschrieben sind. Mit der MP3 wartet nur die nächst kleinere Tonträger-Einheit auf ihre Atomisierung.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Carl Craig, Ada, Laurent Garnier, Chris Liebing, T.Raumschmiere, Mouse On Mars, Moodyman, Miss Kittin

Fünf Schlüsseltracks dieses Genres sind:

Cybotron: Techno City [1985]
Model 500: No UFOs [1986]
LFO: LFO [1991]
Studio 1: Blau [1996]
Alter Ego: Rocker [2004]

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Aphex Twin: Analogue Bubblebath [1991]
Jeff Mills: Waveform Transmission Vol. 1 [1993]
Plastikman: Sheet One [1993]
Robert Hood: Minimal Nation [1994]
Akufen: My Way [2002]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Zentrum der Welt im Summer Of Love (Acid), Innenarchitektur aus Klang (Ambient) oder "Access Peace" (Trance).