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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

House
Can You Feel It?

 

Eine kurze Geschichte der House Music

Aus einer schwulen, schwarzen Underground-Kultur in einigen wenigen Städten entsteht innerhalb von ungefähr zehn Jahren eine neue Chart-Musik: House. Eine durchgehende Bassdrum wird unter Disco- und Funk-Tracks gemixt. Mitte der 80er veröffentlichen Produzenten in Chicago und New York die ersten Tracks: Marschall Jefferson, Fingers Inc., Frankie Knuckles. Sie klingen neuartig, weil ganz auf den Rhythmus zentriert. Bereits 1987 erreichen M/A/R/S mit der durchgehenden Bassdrum die Spitze der englischen Charts...

Die Anfänge von House weisen deutliche Parallelen zu jenen von Disco auf: was man längst als Musikstil versteht, begann zunächst einmal nur mit einer speziellen Form des Auflegens. House im Speziellen entwickelt sich aus Feier-Formen in den urbanen Zentren Chicago, San Francisco und New York. Dort "hält" sich Disco in einigen Schwulen-Clubs, nachdem der Sound medial bereits schon wieder abgefeiert ist.

Doch nicht nur der Schlagzeug- und Streicher-betonte Nachfolger der Soul-Musik wird dort in den nächtlichen Musikmix eingespeist. Auch Funk und besonders in San Francisco eine sehr rhythmusbetonte Musik namens Hi-NRG laufen in den Schwulenclubs. DJ Larry Levan mischt in der New Yorker Paradise Garage eine durchgehende Bassdrum unter diese Stile. Der schönen Legende zufolge aber entsteht der Begriff "House" in Chicago. Dort legt zur gleichen Zeit wie Levan in New York, also zu Beginn der Achtziger Jahre, der DJ Frankie Knuckles einen ganz ähnlichen Mix im Warehouse auf. Da Chicago in dieser Zeit wenig Konkurrenz zu diesem Club aufweisen kann, wird der Mix-Stil Knuckles' beschrieben als "the sound they play down at the house".

Neue Unübersichtlichkeit

Angesichts der energiegeladenen Nächte in der Paradise Garage und im Warehouse ist es fast nur eine Frage der Zeit, bis das Feedback kommt. Schließlich sinken genau in jenen Jahren die Preise für Synthesizer und Drum-Maschinen derart rapide, dass sich nun auch eher mittellose Jugendliche die Geräte kaufen - in den Siebziger Jahren noch studierten Profis oder Söhnchen vorbehalten. In den Jahren 1984 und 1985 veröffentlichen Marschall Jefferson sein Move Your Body und Chip E sein "Jacktracks". House ist geboren - als Musik und als Szene. Die wichtigen Labels sind Trax und DJ International in Chicago, und wenig später bildet sich auch in New York eine eigene Szene mit Civiles & Cole und David Morales. Auch Todd Terry und später die Masters At Work gehören zu den großen Namen im Big Apple.

Im Grunde beginnt die große Verwirrung schon, kaum ist der Begriff "House" geprägt. Denn während in New York im Stil der Paradise Garage nach einer schwebenden Magie gesucht wird und so Deep House mit seinen schillernden Synthie-Flächen entsteht, wird in Chicago schon ab 1987 eine Rhythmusmaschine zum Fetisch: Die 303 des Geräteherstellers Roland - ihre Sounds werden durch ein Rotieren und Gurgeln charakterisiert, sie klingt wie zischende Säure. So entsteht schnell der Begriff "Acid House", zumal einer der ersten bekannten, mit der 303 gebauten Tracks Acid Trax heißt.

Explosion der Varianten

Im selben Jahr explodiert House, und hier vor allem Acid House in Europa. Schuld daran ist besonders die Massenbegeisterung in Großbritannien. Sie schlägt sich nicht nur in unzähligen, von Boulevard- bis seriöser Presse großäugig bestaunten Raves nieder. Sondern auch in Pump Up The Volume des Duos M/A/R/S. Als erster House-Track kann er sich 1987 an die Spitze der UK-Charts setzen. Von da an findet eine enorme, weitergehende Differenzierung statt. Aus Detroit kommt die maschinelle Variante Techno. Der vorübergehende Versuch, HipHop mit House zu HipHouse zu vereinen, lebt zwar nicht weiter, fördert aber die Entstehung von Breakbeat und Jungle als Musikstile mit eigenem, weil Offbeat-betontem Gefühl. Nach der durchschlagenden Kommerzialisierung haben sich aus der House-Techno-Ursuppe auch die Formatradio-tauglichen Varianten Trance und EuroDance entwickelt.

In der ganzen Welt hält sich House allerdings in spezialisierten Clubs, und erlebt auch immer wieder musikalisch und feiertechnisch aufregende Modernisierungsschübe - Mitte der Neunziger Jahre etwa wird von Paris aus der Deep House von Acts wie Daft Punk und Motorbass mithilfe von Frequenz-Filtern erneuert. Wenig später schlägt der Londoner Herbert einen fantasiefreudigen Umgang mit Samples vor und initiiert so eine Art "Info-Überschuss"-House - das klingt dann, als würde eine Radio-Skala zu einer geraden Bassdrum durchsucht.
(cb)

Fünf Tracks mit Schlüsselqualitäten:

Marshall Jefferson: Move Your Body [1985]
Phuture: Acid Trax [1987]
M/A/R/S: Pump Up The Volume [1988]
Motorbass: Bad Vibes [1996]
Basement Jaxx: Red Alert [1999]

Fünf Alben mit Schlüsselqualitäten:

Daft Punk: Homework [1997]
Frankie Knuckles: A Collection Of Classics [2000]
Herbert: Bodily Functions [2001]
Akufen: My Way [2002]
Larry Levan: Definitive Salsoul Mixes '78 - '83 [2005]

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