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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

EuroDance
Uff-De-Dumpf statt Bum-Tschak

 

Unterhaltung für alle: EuroDance

Als aus Clubmusiken genährte Chartsmusik bietet sie wirklich für jeden und jede was. Die Anheiz-Nummer von Scooter klingt wie für Hooligans gemacht, das Elternpärchen träumt zu den Liebeleien eines Robert Miles. Da verdreht das 14-jährige Küken nur die Augen, dreht die Anlage noch mal lauter und übt die Choreo aus dem neuen DJ Bobo-Clip.

1989 ist ein wichtiges Jahr. Nicht nur weltpolitisch: In Deutschland wird die Mauer geöffnet, im benachbarten Polen wird mit Thadeusuz Mazowiecki erstmals ein Ministerpräsident gewählt, der nicht der Sozialistischen Partei angehört. Nein, nicht nur weltpolitisch ist 1989 ein wichtiges Jahr, sondern auch, was die Jugendkultur angeht. In Großbritannien begeht man den Summer Of Love. Alle wollen plötzlich nur noch tanzen. Presse und Polizei sorgen sich um den Nachwuchs. Der lässt sich nicht irritieren und geht in die Hacienda.

Mit dem Summer Of Love setzt sich Acid House für ein paar Jahre als der Sound der Clubs fest. Zuvor war Acid jahrelang eine Musik der Eingeweihten; nun tanzen an einem Abend Tausende in einem Warehouse dazu. Das lässt findige Produzenten auf den Plan treten. Sie suchen sich ein paar Acid-Spuren, wie etwa die markanten Synthie Bleeps, legen die gerade House Bass-Drum drunter, produzieren ansonsten aber fürs Radioformat statt für den Club. Erste House Pop Stürmer sind etwa S-Express mit dem gleichnamigen Track oder Yazz mit The Only Way Is Up.

Auch im wiedervereinigten Deutschland will die Jugend tanzen, tanzen, tanzen. Berlin schaltet eine Standleitung nach Detroit und macht Abfahrt auf hartem Techno. Doch auch hier geht alles ganz fix. Die Love Parade etwa versammelt 1989 noch ein paar belächelte Freaks, bereits zwei Jahre später aber lockt sie Techno-Touristen aus der ganzen Welt in die Stadt.

Schnell zeichnet sich ab, dass es vor allem Trance und der Trance-Verwandte Dream House mit ihren Klängen der Entrückung sind, die sich perfekt kommerzialisieren lassen. Marusha covert den Musical-Hit Somewhere Over The Rainbow als verträumten 4/4-Beat. Sven Väth, Resident im Frankfurter Flughafen-Club Dorian Gray, schickt 1993 Delfine durch den Videoclip zu L'Esperanza.

So entwicklelt sich EuroDance im Laufe der 90er Jahre zu einem Überbegriff. Ganz grob umfasst der Ausdruck jene Musiken, die für die Charts produziert werden und dabei auf die gängigen Clubsounds zurückgreifen. Die Piano House-Liebeleien eines Robert Miles wie der Teenie Tanz eines DJ Bobo gehören dazu. Ebenso der nach wie vor immens verkaufende Hitparaden-Trance von Blank & Jones, der auf die Formel des Jam & Spoon-Albums Tripomatic Fairytales aus dem Jahr 1993 zurück greift: Impressionistische Sounds zu plakativ dicken Beats. Snap!, Frankfurter Produzenten wie Väth und Jam & Spoon, sind da 1990 mit dem 2003 neu aufgelegten Euro Dance-Smasher The Power eher einen Sonderweg gegangen. Statt auf gerade Bassdrum setzt der Track auf jenen HipHop-Beat, der zu jener Zeit die Clubs beherrschte.

Während bei Snap! mit Turbo B ein MC rappt, kultivieren die Hamburger Scooter das Anheizgeschrei. Mit Sirenen, Dudelsäcken und Uff-De-Dumpf wird daraus der im Verkauf erfolgreichste Entwurf des Stadion Rave. Und immer bleibt die Frage: Welche Underground-Musik wird wohl als nächste für die Charts ummodeliert? Der Microhouse eines Akufen? Clicks'n'Cuts? GlitchHop von Prefuse 73 bald als Grundlage einer Coverversion von 99 Luftballons? Derartige Spekulationen machen die Unterhaltsamkeit des EuroDance aus.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Felix, Vengaboys, C & C Music Factory, Adamski, DJ Quicksilver, ATB, Sash!, Paffendorf

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

Snap!: World Power [1990]
The Prodigy: Experience [1992]
Jam & Spoon: Tripomatic Fairytales [1993]
Robert Miles: Dreamland [1996]
Scooter: No Time To Chill [1998]
Verschiedene: Italo Dance Classics [1999]
Verschiedene: Back To The Old Skool [2002]
Blank & Jones: Substance [2002]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen "Access Peace" (Trance), Der Körper als Maschine (Techno) oder Zentrum der Welt im Summer Of Love (Acid).