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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Electronica
Diese verrückten Kids aus Nordengland

 

Als Techno ins Wohnzimmer kam: Electronica

Natürlich kann bei einem Musikgenre nicht von einem "Beginn" im strikten Sinn zu sprechen sein. Die Veröffentlichungen des Sheffielder Labels Warp aber haben mit Produzenten wie Autechre und Aphex Twin stark die frühe Geschichte von Electronica geprägt. Im weiteren Verlauf sollten auch Oval oder Fennesz großen Einfluss nehmen auf diese elektronisch produzierte Musik zum Hinhören.

Sheffield im Norden Englands war im Jahr 1989 schon eine Weile auf der Landkarte fordernder Musik positioniert. Hier war Industrial entstanden, mit Throbbing Gristle im Energiezentrum des Treibens. Im Umfeld war zum Einen eine Infrastruktur entstanden, deren Arme einerseits in die Art School der Stahlstadt reichen, genauso aber auch in die Clubs der Stadt. Auch sie werden Ende der 80er Jahre von diesem neuen Sound aus Detroit, Chicago und New York erfasst. Techno und House lösen besonders in Großbritannien eine neue, frenetische Kultur des Feierns aus, und so wird auch auf der Insel der Begriff "Rave" erfunden.

So dauert es auch im Norden Englands nicht lange, bis die zunächst aus den USA importierte Musik ihre regionalen Veränderungen erfährt. Und gerade in Sheffield herrschen Ende der 80er Jahre die besten Bedingungen für einen abenteuerlichen Umgang mit elektronischen Beats. Das erweist sich, als die beiden Betreiber des Plattenladens Warp Records von einem Jugendlichen ein Demo in die Hand gedrückt bekommen, das sie zur Gründung eines Labels veranlasst. Die daraus resultierende erste Maxi von Warp Records war der Track With No Name von den Forgemasters. Neben dem Gespür für ungehörte Sounds hatte Warp Records auch noch das passende Studio an der Hand, in dem auch die folgenden Früh-Erfolge des bald "Bleep" genannten Sounds neu abgemischt und produziert wurden: in den Fon-Studios saß ein gewisser Mark Brydon an den Reglern. Bald sollte er auch Tracks von den Nightmares On Wax oder 808 State abmischen.

Gut gelaunte Werwölfe und Computer

Fünf Jahre später: Mark Brydon lernt die Sängerin Roisin Murphy kennen und gründet mit ihr eines der erfolgreichsten Dance Pop-Duos der 90er Jahre: Moloko. Der eigenartig swingende und leichte Sound des Studio-Nerds ist, so wird er später kommentieren, auch eine Antwort auf einen inzwischen entstandenen Medien-Begriff und die damit verbundenen Assoziationen: Electronica. "Electronica" sagt er 2006 in einem Interview, "Electronica war irgendwann dieser dunkle Sound für ernsthaft guckende Jungs". Für jemanden, der die Ästhetik dieser Musik durch seine rohe, futuristische Produktionsweise mitgeprägt hat, ist eine solche Reaktion verständlich. Schließlich unterliegt jede Pop-Musik diese Gefahr, irgendwann zum Schema für nachwachsende Musiker und Produzenten zu verkommen. Dennoch aber verläuft noch die gesamten 90er Jahre hindurch die Entwicklung von Electronica in immer aufregenden Auf und Abs.

Alleine auf Warp entwickelt sich bald schon ein neuer, noch weniger Club-bezogener Sound. Autechre entwickeln Musik die klingt, als würden falsch verschaltete Rechner träumen; Aphex Twin hört sich an nach jemandem, der im zentralen Prozessor schläft; und die Boards Of Canada schließlich lassen ihre Tracks behaupten, Computer gäbe es nur in der Vorstellung gut gelaunter Werwölfe. Mit den drei genannten Namen rücken neue Inspirationsquellen moderner Computermusik ins Licht; etwa Synthesizer-Pioniere wie Raymond Scott oder Brian Eno, der Projektor des Ambient Sound.

Was ist elektronisch?

Gegen 2000 hin wird Electronica schließlich in immer differenzierteren Beschreibungen wahrgenommen. "Glitch" etwa umschreibt Musik, die unter anderem auf der Idee beruht, Fehler im System des Computers für die Kunst zu nutzen. Die Berliner Oval und Pole etwa operierten anfangs mit dieser Idee. Im Laufe der 2000er Jahre entstand in London der Begriff Dubstep, der sich aus der MC-Kultur des Grime entwickelte, die tiefen Bässe und weitere Signet-Sounds aber isolierte und zu einer fast sakralen Musik mutierte. Ein Ende wird Electronica so schnell nicht finden. Allerdings verwischen sich die Grenzen immer stärker; gerade in den 2000er Jahren haben Produzenten wie Leafcutter John oder Fennesz Folk- oder Gitarren-Sounds am Computer weiterverarbeitet. Das Ergebnis könnte man als "Editierte Musik zum Hören", also "Edited Listening Music" bezeichnen.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Gas, Funkstörung, Seefeel, Rafael Toral, Porter Ricks, Computerjockeys ,Modeselektor

Schlüsselalben dieses Genres sind:

V.A.: Artificial Intelligence [1992]
Oval: Systemisch [1994]
Autechre: Amber [1994]
Aphex Twin: Richard D. James Album [1996]
Pole: 1 [1998]
Boards Of Canada: Music Has The Right To Children [1998]
Fennesz: Endless Summer [2001]

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Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Der Körper als Maschine (Techno), Can You Feel It? (House) oder Innenarchitektur aus Klang (Ambient).