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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Electroclash
Musik, Mode, Maschine

 

Electroclash und seine Aufmunterung: Mach es selbst!

Nu Wave, Electropunk, Electroclash - man könnte sie alle voneinander unterscheiden. Aber nur, wenn man sie vorher künstlich trennen würde, die Bands, DJs und Producer, die an dem großen Revival des synthie-basiertem Dancefloor teilhaben. Electroclash ist wohl der gängigste dieser Begriffe, unter deren schützendem Schirm Larry Tee und DJ Hell durch die Großstädte der Welt reisen.

Noch einmal legte er ihn auf. Und nochmal gab er ihn in den Mix. Und wieder erntete er glückselige Augen und begeistertes Pfeifen. Es war der Winter 2001, in dem Sunglasses At Night von Tiga & Zyntherius einfach nicht mehr runter hüpfte vom Plattenteller Westbams. Spätestens von diesem Hit an bestand der Zwang, über dieses seit geraumer Zeit schwelende Phänomen zu sprechen: Die Mode der 80er war auf den Straßen und in den Clubs nicht mehr zu übersehen. Und Electro-inspirierte Tunes, die nach Gary Numan plus Körperkick klangen, waren parallel dazu in den Clubs nicht mehr zu überhören.

Notgedrungen griff man zu vereinheitlichenden Begriffen. "Nu Wave" sagte jemand, "Electropunk" eine Andere, bis schließlich "Electroclash" die Runde machte: Erst im Herbst hatte Larry Tee, Betreiber des Club Luxx, unter diesem Namen ein Festival in seiner Stadt New York veranstaltet.

Das Prinzip des Überkandidelten

Eingeladen waren durchaus unterschiedlich klingende Gruppen und KünstlerInnen: Die HipHop mit Trashrock beladende Peaches; die Detroit Grand Pubahs mit ihrer Hintern schüttelnden Bass-Musik; Ladytron mit ihrem Electropop von schlanker Silhouette; schließlich Fischerspooner und A.R.E. Weapons. Die beiden letztgenannten Gruppen legen viel Gewicht auf die visuelle Darbietung - aufgesetztes Agieren, Durcheinanderbringen von männlichen und weiblichen Zeichen, aufgesetzte Sex- und Champagner-Dekadenz gehören dazu. Musikalisch klingen Fischerspooner wie ein aus Schülern bestehendes Electro-Duo, das gerade an den ersten Tracks bastelt.

Doch das ist bei Electroclash - der Name stößt schon zu Beginn des Jahres 2002 auf ebenso breiten Konsens wie er nun alle an diesem Festival teilnehmenden Bands unter einer Musikrichtung zusammenfasst - nicht das Entscheidende. Den Ausschlag geben Haltung, überkandideltes Posen, die richtigen 80er-Referenzen. Merkmale also, die auch in Deutschland schon seit Ende der 90er Jahre einige Stars in den Clubs auszeichnen. Besonders München entdeckt früh den Style der Eighties.

Hut, Schlips, Eisschrank

DJ Hell ist es, der dort das Label International Deejay Gigolos betreibt. Im Jahr 1998 erscheint sein Album Munich Machine, und es zeigt, warum Helmut Geier den Wunsch hegt, einmal mit Kraftwerk auf Tour zu gehen. Gut durchgekühlt kommen die Synthesizer, körperbewegend die Eisschrank-HiHat, abweisend ertönt ein einsamer Sprechgesang. Auch hier ist die Musik nur ein Teil eines Gesamtkunstwerkes, das Hell zum großen Namen des Electroclash gemacht hat. Als Techno-DJs noch Sportmode zur Schau stellen, trägt er bereits Hut und Schlips; später geht er mit der Iro-Welle.

Auch die Chicks On Speed lernen sich in München kennen. In der zweiten Hälfte der 90er betreiben sie eine Bar. Erst aus arty Karaoke-Shows geht die Idee hervor, selbst Musik zu machen. Die Chicks sind heute, da sie von Berlin aus agieren, eigentlich die phänomenale Electroclash-Gruppe. Denn als ihr erstes Album Chicks On Speed Will Save Us All erscheint, berichtet niemand darüber, weil die Musik dazu Anlass geben würde. Im Mittelpunkt steht die Selbstdarstellung ausgelassener Individuen; und dafür stehen den Chicks On Speed alle Medien zur Verfügung: ein Modelabel, ein Plattenlabel (auf dem Kevin Blechdom und Angie Reed erscheinen), Live-Performances und Kunstausstellungen. Darin liegt der große Reiz von Electroclash: Mach es selbst! Egal, wie du den Begriff dann ausfüllst.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

The Hacker, Green Velvet, Scratch Massive, Miss Kittin, Mount Sims, Adult, Fat Truckers, Client, Felix Da Housecat

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

DJ Hell: Munich Machine [1998]
Felix Da Housecat: Kittenz And Thee Glitz [2001]
Ladytron: 604 [2001]
Fischerspooner: #1 [2002]
V.A.: Electroclash [2002]
Tiga: DJ Kicks [2003]
Scratch Massive: Enemy And Lovers [2003]
Miss Kittin: Presents Radio Caroline [2003]

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