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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Ambient
Innenarchitektur aus Klang

 

Musik für Räume: Ambient

Brian Eno kommt auf das Wort: Ambient, Musik des Raumes. Für seine "Music For Airports" im Jahr 1978 hat er Sounds gesucht, die sich in Gebäude einpassen wie Wandoberflächen und Möbelstücke. Aus dem Nichts kommt Enos Idee jedoch nicht: Bereits seit Terry Riley stehen Wiederholung und Minimalismus auf dem Programm moderner Musik. Auch endet Ambient nicht im Nichts: Mit den Chill Out-Räumen von Rave und Techno etabliert sich Ambient als eigenee Form elektronischen Pops – mithilfe von The Orb und Aphex Twin.

Als Brian Eno im Jahr 1978 das Wort "Ambience" in den Mund und auf das Cover seiner LP Music For Airports nimmt, kann er damit keine Erfindung reklamieren. Doch ist Eno immerhin der Erste, der "Ambience" als Konzept in einer vierteiligen LP-Serie ausarbeiten wird. Der in Suffolk, einer ländlichen Gegend Englands aufgewachsene Brian Peter George St. John Le Baptiste de la Salle Eno versucht mit seiner Ambient Music, Innenarchitektur mittels Klang zu erweitern. Music For Airports etwa soll durch minimale Piano- oder Gesangsspuren, deren Figuren geloopt, also wiederholt werden, den Fluggästen die Angst vorm Fliegen nehmen. Insofern soll Ambience also funktionieren: Sich in Räume einpassen, indem sie auf hergebrachte Popstrukturen wie Soli verzichtet und somit Teil des Gebäudes wird.

Zwar waren findige Marketing-Leute schon viel früher darauf gekommen, dass man mit Musik Menschen beruhigen kann. Bereits in den 60er Jahren dudelte die "Muzak" durch die Kaufhäuser der USA, seichtes Plätschern aus verpoppten Cool Jazz- und Tanzorchester-Klängen. Doch die Ambient Music des ehemaligen Kunststudenten Brian Eno unterscheidet sich von der reinen Unterhaltungs-Muzak: Sie funktioniert auch im Wohnzimmer zuhause, sie ist reich genug an Veränderung in Klangfarben, Dynamik, Spannung.

Den Begriff "Ambience" hat Eno schließlich von einem der aufregenden Komponisten der Nachkriegszeit übernommen: John Cage. Er bezog alle möglichen Klänge, die den Menschen umgeben, in seine Idee der "Ambience" mit ein. Dazu gehört der eigene Atem ebenso wie Straßenlärm und Vögelzwitschern. Doch nicht nur von Cage hat Brian Eno etwas gelernt, auch von den Komponisten des Minimalismus: Erik Satie als Minimalist, bevor es diesen Begriff überhaupt gab, Terry Riley und Steve Reich.

Zum Runterkommen

Nach dem ersten Aufsehen um die Ambient Music legte sich die öffentliche Aufmerksamkeit im Laufe der 80er Jahre. Dann aber kam Techno mit seinen Feiern und mit ihnen die Institution des Chill Out Rooms. The KLF nannten bereits im Jahr 1989 ein Album "Chill Out". Die Musik darauf erklärt, welche Wendung "Ambient" nun nahm. Absolute Körperverschwendung und totale Verausgabung lauteten die Imperative des Rave. Da aber selbst der Hardcore-Raver seine Pause einlegen muss, möchte er von Freitag Abend bis Montag früh durchmachen, wurden auf Techno-Parties Extra-Räume zum Entspannen eingerichtet: die Chill Out Rooms. Natürlich legten die DJs dort keine Vierviertelmonster mit 160 Beats pro Minute auf, sondern alten Dub, Brian Eno und neue, loopbasierte elektronische Musik. "Abkühlen" lautet schließlich die Übersetzung von "Chill Out".

Zum einfach nur hören

So entstand Ende der 80er Jahre eine neue Musik, die eigens für die Chill Out-Räume produziert, bald aber auch auf Vinyl und CD einem größeren Publikum verkauft wurde. Nach The KLF wurden The Orb und Aphex Twin zu den Institutionen dieser Musik, die erst "Ambient Techno" und dann wieder verkürzt "Ambient" genannt wurde. Während die elektronischen Loops von The Orb in Tempo und Struktur hörbar an Dub andockten, war es Richard D. James aka Aphex Twin anzumerken, dass er unter anderen Pseudonymen auch Breakbeats für den Dancefloor produzierte. Immer nokturn in der Stimmung, immer auch körperbetont klangen seine Ambient Works.

Aus dieser beliebten Ambient Musik entwickelten sich im Laufe der Neunziger Jahre verschiedene Stile. Zum einen wurden die Bilder erzeugenden Loops bald schon in die Songs des TripHop eingebunden. Unter dem Namen "Chill Out" statt dessen wurden bald schon alle möglichen und unmöglichen Compilations zusammen gestellt, deren Beats und Loops zunehmend formelhaft gerieten. Gleichzeitig löste sich techno-basierte Musik zum Hören von den Chill Out-Räumen: Autechre oder die Boards Of Canada probierten weiter aus, was man mit Sampler alles anstellen kann, ohne unbedingt auf den Dancefloor zu wollen. Mit "Intelligent Dance Music" wurde aber ein etwas unpassender, weil andere Sorten Clubmusik als "dumm" deklassierender Begriff für diese Musik gewählt. Seit Beginn der Nuller Jahre schließlich wird "Ambience" auch immer mehr mittels einfachen, akustischen Instrumenten wie der Gitarre produziert. Bisheriger Höhepunkt ist das Album "Tangled Wool" von Xela, hinter dem sich der Engländer John Twells verbirgt.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Future Sound Of London, Mixmaster Morris, Banco De Gaia, Move D, Sun Electric, Gas, Pete Namlook, Funki Porcini

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

Klaus Schulze: Moondwan [1976]
Brain Eno: Ambient 1 - Music For Airports [1978]
The KLF: Chill Out [1989]
The Orb: Adventures Beyond The Ultraworld [1991]
Aphex Twin: Selected Ambient Works '85 - '92 [1993]
Boards Of Canada: Music Has The Right To Children [1998]
Xela: Tangled Wool [2004]
V. A.: Pop Ambient 2004 [2004]

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