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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Dubstep
Bässe von physischer Wucht

 

Die Wirkung des Dubstep

Im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends entsteht Dubstep: Zunächst in London entwickeln El-B oder die Horsepower Productions eine Abstraktion des grimmigen Grime-Sounds. Mit der Zeit differenziert sich Dubstep aus: In London selbst entstehen zig Spielarten zwischen den Dub-Meditationen der Digital Mystikz und wilden Rave-Stücken. Mit Bristol, Berlin und L.A. bilden sich neue Zentren des Sounds.

Seit in Großbritannien die elektronische Musik aus Detroit und Chicago eingezogen ist, seit also den ausklingenden 1980er Jahren, geht in den urbanen Zentren die Rede vom "Hardcore Continuum". Zunächst gab es die Ursuppe, in der DJs noch Klavier-Stücke zu durchgehender Bassdrum mit Techno von industrieller Härte vermixten. Dann aber entwickelten sich die Stile auseinander: Das Hardcore Continuum entstand.

Bis heute bezeichnet der Begriff all jene Musik, die sich nicht an die Gepflogenheiten der Charts-Musik hält. "Hardcore Continuum" ist aber noch viel mehr: Von Jungle und Drum'n'Bass über 2 Step und Grime bis heute knüpfen nachwachsende Produzenten und Produzentinnen immer wieder diesen speziellen Sound auf: In seiner Dichte und Reflexiertheit spiegelt er die spezifischen Erfahrungen junger Leute der Metropolregionen wider. Zudem ist das Hardcore Continuum geprägt von afro-atlantischen Musikstilen: von House und Detroit Techno aus den USA ebenso wie vom Rhythmus- und Produktionsverständnis des Dub, wie er sich zunächst auf Jamaika entwickelt hat.

Dubstep schreibt das Hardcore Continuum in den Nuller Jahren fort.

Der Goldene Gral

Aus dem aggressiven, meist von MC's am Mikrofon begleiteten Grime schält sich unter Mithilfe von DJs und Produzenten wie Horsepower Productions und El-B ein Stil heraus, der zunächst bloß klingt wie eine softe Variante. Die Flächen entfalten mehr Wärme als die üblichen Grellheiten des Grime. Doch die Programmierung des Rhythmus-Gerüstes setzt in dem, was bald "Dubstep" genannt wird, auf einen entscheidenden Unterschied: Die schnellen 132 bis 148 Schläge pro Minute Zählzeit werden von den Basslinien ausgebremst. Der Bass, dessen Präsenz so etwas wie der Goldene Gral des Dubstep ist, wird dann genau halb so schnell gesetzt wie das Schlagzeug. Das gibt Dubstep-Tracks tatsächlich eine Anmutung von Dub, im späteren Verlauf vermischt sich die Ästhetik auch mit HipHop-Beats.

Kaum sind in London schon die ersten Underground-Stars wie die Digital Mystikz oder Skream (im Bild oben) gemacht, da knüpft mit Bristol eine weitere Stadt mit Drum'n'Bass- und überhaupt Bass-Tradition an. Ihr ungekrönter König wird Pinch, der mit Tectonic eines der einflussreichsten Labels des Genres führt und auch mit den Party-Reihen "Subloaded" und "Dubloaded" von Bedeutung ist. Dazu leben hier weitere neue Namen wie Appleblim und Peverelist, die nicht nur durch Veröffentlichungen auf sich aufmerksam machen, sondern auch durch ihre Labels.

Endgültig zum internationalen Sound wird Dubstep in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre: Zum einen trifft der Sound einen Nerv, und außerdem etabliert sich in dieser von jungen Männern dominierten Welt ausgerechnet eine Frau zum Sprachrohr. Mary Anne Hobbs sendet in ihrer "Experimental Show" auf BBC Radio 1 im Jahr 2006 die Dokumentation "The Dubstep Warz". Darin gelingt es der Moderatorin, die Gegenwärtigkeit dieses Klangs zu transportieren. Von da an wird ihre Sendung zu einem Pflichttermin. Erstaunlich, denn längst haben sich in England Piraten- und Online-Radios gegründet, die 24 Stunden am Tag Dubstep spielen.

Am Ende des Jahrzehnts ist unter all den Varianten kaum noch ein Dubstep-Mainstream auszumachen: Ein Shackleton kreiert mit den Instrumenten des Nahen Ostens einen archaischen Dubstep, Burial lässt die Bässe raunen. Mit Berlin und Los Angeles erfährt der Klang weitere Resonanzräume. In Berlin lässt sich Scuba nieder, betreibt sein Label Hotflush weiter und veranstaltet Dubstep-Partys im Berghain. Die Belegschaft dieses Clubs schläft ebenso nicht: Der Berliner The Traveller einen Meilenstein, der sich an keine Grenzen hält und selbst die Ästhetik von Jungle wieder feiert.

In Los Angeles sind es vor allem die Leute des Brainfeeder-Labels, die mit Electronica, HipHop-Instrumentals und Dubstep experimentieren. Steven Ellison ist der Neffe von Jazz-Harfenistin Alice Coltrane und selbst unter dem Pseudonym Flying Lotus einer der Stars der Beat-Avantgarde. Mit Brainfeeder entwikckelt er eine ganz eigene, psychedelische Ästhetik der tiefen Bässe und sternenstrebenden Flächen. So versendet sich Dubstep ganz allmählich in der Vielfalt der Variationen. Bis wieder ein neuer Strang innerhalb des Hardcore Continuums geflochten wird.

Weitere Künstler dieses Genres sind:

The Bug, King Midas Sound, Joker, Lorn, Eskmo, Geiom, Ital Tek, Wadadda

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Kode 9 & The Spaceape: Memories Of The Future [2006]
Skream: Skream! [2006]
Burial: Untrue [2007]
V.A.: Box Of Dub - Dubstep & Future Dub [2007]
Mary Anne Hobbs: Presents Wild Angels [2009]
Shackleton: Three EPs [2009]
Martyn: Great Lengths [2009]
Shed: The Traveller [2010]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen über Bässe und Rhythmen an. Zum Beispiel in den Einträgen Echo des Halls (Dub), Zweimal so nett (2 Step) oder Spiel nochmal den Würgebass, DeeJay (Drum'n'Bass).