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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

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Politische Satire
Von Wunderkindern zu Einzelkämpfern

 

Das deutsche Kabarett seit '45

Respektlos gegenüber den Mächtigen, kritisch mit dem Zeitgeist, im Ton meist bissig, gelegentlich zynisch, immer aber engagiert für Demokratie und ein ziviles Miteinander - Ensembles wie die "Lach- und Schießgesellschaft" oder das "Kom(m)ödchen" und später Solisten wie Gerhard Polt und Richard Rogler haben die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland mit ihrem Spott gekonnt kommentiert und begutachtet.

Noch in den Trümmern, oft im Freien, wird schon im Mai 1945 wieder Kabarett gespielt. Wo es an Autoren fehlt, werden ehedem verbotene Texte von Tucholsky, Mehring oder Ringelnatz aufgeführt. In München gründet Erich Kästner die "Schaubude". Bissig wird dort mit der jüngsten Vergangenheit ins Gericht gegangen. Mit Liedern, Couplets und Sketchen setzen sich neue Kabarettisten wie Kay und Lore Lorentz in ihrem Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" für den Aufbruch in die noch ungelenke Demokratie ein. Und das trotzige "Hurra, wir leben noch" der Westberliner "Insulaner" ist die heimliche Hymne jener Tage. Als "Mann mit der Pauke" trommelt "Wunderkind" Wolfgang Neuss wider dem Mief der Fünfziger. Das Wirtschaftswunder im Westen und der Kalte Krieg geben ihm dabei den Takt vor. In Berlin machen sich während dessen "Die Stachelschweine" auf den Weg zu einem Kabarett, das nicht gleich alles in Frage stellt. Man schaut belustigt der Wohlstandsgesellschaft auf den Bauch und redet ihr nur wenig ins Gewissen. Wie die Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" schafft man es damit sogar ins Fernsehen.Die 68er und die wilden Siebziger bringen eine erneute Rückbesinnung auf ein Kabarett, das verändern will. Liedermacher wie Franz-Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp zielen spitzzüngig auf das (Klassen-)Bewusstsein ihres Publikums. Zu Beatklängen erklärt in Köln die APO-Kabarett-Truppe "Floh de Cologne" Opas Kabarett für tot.Das kommt tatsächlich nur noch schwer auf die Beine. Das Wachsen des Privatfernsehens in den 80ern bringt neue Konkurrenz und neue Möglichkeiten. Feste Häuser mit festem Ensemble erweisen sich als wenig flexibel, werden unrentabel. Viele Kabarettisten ziehen daraus die Konsequenz und gehen solo oder zu zweit auf Tournee. Hanns Dieter Hüsch orgelte bereits seit Jahrzehnten als Einzelkämpfer durch die Kabarettkeller der Republik. Kauzige Typen wie Gerhard Polt, der mit unverkennbar bayrischem Akzent im deutschen Gemüt herum stochert, folgen nun seinem Vorbild. In den 90ern scheint die Balance von Unterhaltung und Belehrung einseitig zugunsten der (TV-) Unterhaltung verschoben. Doch Totgesagte leben länger. Auch und gerade im Fernsehen: Nach wie vor brilliert Dieter Hildebrandt in seinem "Scheibenwischer" mit kabarettistischen Glanzstücken und beweist Harald Schmidt mit seinen allabendlichen Glossen und Possen, wie quicklebendig die Leiche Kabarett noch immer ist.

Weitere Meister des Kabaretts seit '45 sind:

Distel, Wühlmäuse, Vorläufiges Frankfurter Fronttheater, Werner Schneyder, Matthias Richling, Bruno Jonas, Richard Rogler, Missfits

Einen Überblick über das dt. Kabarett seit '45 verschaffen folgende CDs:

Harald Schmidt: Schmidtgift [1996]
Bruno Jonas: Hin und zurück [1996]
Müncher Lach- &Schießgesellschaft: Kabarett von der Münchner Lach-&Schießgesellschaft [1997]
Gerhard Polt: Die Klassiker [1997]
Dieter Nuhr, Matthias Deutschmann u.a.: Die Wahrheit über Deutschland [1997]
Various: Die Kabarettlegende Folge 1 (Highligths aus den Programmen Talk täglich und Lametta & Co.) [1998]
Various: Die Kabarettlegende Folge 2 (Highlights aus den Programmen Wie abgerissen und Keine Fragen mehr) [1999]
Various: Querbeet Kabarett Live [2000]
Various: Humor ist eingeplant (Das politische Kabarett in der DDR) [2001]