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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Dialekt-Comedy
Alles ausser Hochdeutsch

 

Dialekt als Mittel der Comedy

Die Sprache ist das Hauptinstrument des Witzes. Deshalb ist es kaum erstaunlich, dass Humor so oft über Abweichungen von der sprachlichen Norm funktioniert. Der Dialekt nun hat über den exotischen Moment hinaus, der ihn vom Hochdeutsch unterscheidet, einen weiteren Vorteil: von Bodo Bach bis Heinz Becker bildet er das Skelett für idealtypische, regionale Figuren. Erkan & Stefan, Dragan & Alder: Seit Ende der Neunziger Jahre kann sich ein Dialekt deutscher Sprache auch aus einer Region ausserhalb Deutschlands herleiten.

"Wir können alles. Ausser Hochdeutsch". Mit dieser Schlagzeile wirbt das Land Baden-Württemberg für sein Image. Honoratioren und Ehrenbürgerinnen des Landes erzählen aus ihrem Leben und von dem, was sie so besonders macht und in ihrem Fach perfekt. Gegen diese Perfektion hat die verantwortliche Werbe-Agentur ein parates Mittel gefunden: Die Personen erzählen in Schwäbischem oder Badischem Dialekt. Der Effekt ist ein doppelter. Es menschelt, und die Perfektion wird eingesponnen in ein Netz aus Sympathie und Mitgefühl.

Diesen Effekt nutzen auch Comedy, Satire und Kabarett. Denn wenn die Sprache - abgesehen von Clowns und Pantomimen - das Hauptinstrument des Witzes ist, dann baut sich die humoreske Pointe auf durch ein Moment des Abweichens von der erwarteten Sprache. Schon im Boulevard-Theater der Nachkriegszeit arbeiten deshalb Willy Millowitsch oder Heidi Kabel mit Dialekten. Millowitschs rheinische Typen und Kabels hanseatische Figuren sind sehr beliebt; aus beiden Theatern wird jahrzehntelang live ins Fernsehen übertragen.

Seit den Achtzigerjahren steigt die Popularität von Kabarettisten, deren Satire regionaltypischer Alltagsangepasstheiten eben auch den Dialekt beinhaltet. Ein Gerhard Polt gibt schon seit 1976 kabarettistische Programme und lästert dabei von München aus über Bayern. Wenig später tauchen politik-freie Fernseh-Shows wie Sketch-Up auf. Auch dort beweisen Dieter Krebs und Hape Kerkeling einen nie gekannten Mut zu hässlichen Kostümen. Und sie beherrschen alle Dialekte, was ihren Figuren zu mehr Exaktheit verhilft.

Neuer Slang, neue Witze

Zu überregionalem Erfolg schaffen es auch die Hessen Bodo Bach und Mundstuhl sowie Gerd Dudenhöfers saarländischer Spießer, Heinz Becker. Bach wählt den Telefonanruf für seine Komik. Der Becker Heinz aus Bexbach dagegen füllt erst die Stadthallen des Saarlandes, findet seinen Weg auf die CD und schließlich ins Fernsehen, wo er den muffigen Patriarchen der Familie Heinz Becker gibt.

Beckers Beliebtheit mag darin begründet sein, dass Dudenhöfer in seiner Kunstfigur den Dialekt voll mit einbezieht. Selbst das Gesicht des Heinz Becker scheint vom leicht trottenden, flach artikulierten Saarländisch gezeichnet zu sein. Augenscheiniger als hier kriegt man selten vorgeführt, dass Sprache nicht nur aus einem Bewusstsein entsteht, sondern ihrerseits wieder ins Bewusstsein rückkoppelt. Ähnliches beweisen Hausmeister Krause und Atze Schröder für das Ruhrgebiet.

Im Laufe der Neunziger Jahre kommt eine neue Mode auf. In Comedy und Kabarett wird ein Fantasie-Kauderwelsch der Schulhöfe aufgegriffen, dass sich aus allerlei Sprachen aus Ländern speist, aus denen in den vergangenen Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert wurde: besonders türkisch und die Sprachen der ehemals zu Jugoslawien gehörenden Länder dominieren diesen Slang. Er ist geprägt von insistierendem Nachfragen ("Verstehst Du?"), harten Konsonanten und zelebrierten "sch"-Lauten. Versetzt mit Anglizismen, eignet sich dieser Slang besonders gut zur Nachahmung. Mit Kaya Yanar und Erkan & Stefan schaffen es denn auch die Richtigen mit eigenen Shows ins Fernsehen. In der Breite erschöpft sich die Mode jedoch relativ schnell, da sich zuviele Künstler und Künstlerinnen auf zu wenige, billige Effekte konzentrieren ("Döner", "krass").
(cb)

Weitere Meister dieser Strömung sind:

Badesalz, Ali G., Kurt Krömer, Rüdiger Hoffmann, Alice Hoffmann, Elke Heidenreich (als "Else Stratmann"), Herbert Knöbel

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

Gerd Dudenhöfer: Heinz im Mond [1995]
Gerhard Polt: Der Standort Deutschland [1997]
Hella von Sinnen: Ich bremse auch für Männer [1999]
Erkan & Stefan: Planet Döner [2000]
Bodo Bach: Aus em Häusche [2002]
Mundstuhl: Könige der Nacht [2003]
Kaya Yanar: Welttournee durch Deutschland [2003]
Hape Kerkeling: Die 70 Min. Show [2004]