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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Raggamuffin
Boom Hallo!

 

Digitale Beats für die Dancehall: Ragga

Mitte der Achtziger Jahre wird auch Reggae von der allgemeinen Digitalisierung der Musik erfasst. Zwar haben Horace Andy & Tappa Zukie in ihrem Tune "Raggamuffin" den Begriff schon 1981 ins Spiel gebracht. Doch erst, als Wayne Smith vier Jahre später in Under Me Sleng Teng zum ersten Mal einen auf Casio-Fiepsern beruhenden Hit schreibt, wird klar: Ein neuer Reggae ist da. Besonders in Großbritannien setzt sich dafür der Begriff "Ragga" durch, während auf Jamaika alles unter dem Sammelbegriff "Dancehall" durchgeht.

Der Einfluss der Sound Systems auf Jamaika ist kaum zu unterschätzen: Reggae und alles, was danach kommt, ist Sound System-Musik. Seit also Clement "Sir Coxsone" Dodd mit seinem Downbeat System, Duke Reid mit seinem Trojan und Tom the Great Sebastien in den 50er Jahren mit selbst gebauten, mobilen Anlagen über die Insel ziehen, hat die Musik auf Jamaika vor allem das Ziel, die Leute zum Tanzen zu bringen. Parallel dazu wird 1956 in England das erste Soundsystem jamaikanischer Einwanderer gegründet. Durch weitere Immigrationswellen von der Karibikinsel entsteht in Großbritannien eine Popkultur, die seit Ska stark von jamaikanischem Pop lebt.

Anfangs spielen die Sound Systems noch R’n’B, bald aber schon kommen Reggae und Ska, und mit dem Dub nimmt sich der Selektor immer mehr die Zeit, während eines Abends in der Dancehall - da, wo die Sound Systems zum Tanz aufspielen - über die rein instrumentalen Dubversionen zu sprechen. So wird auf Jamaika und zeitgleich in England das vorbereitet, was in den 80er Jahren passieren wird: Sprechgesang hält Einzug in den Ragga, während an der Ostküste der USA Rap entsteht.

Reggae ändert vollends sein Gesicht, als Prince - später King - Jammy auf einem Soundclash gegen das Black Scorpio Soundsystem einen Tune auflegt, den er gemeinsam mit Wayne Smith produziert hat. Der junge Smith hat erst ein paar Wochen zuvor in diesem Jahr 1985 diese Casio Drumbox geschenkt gekriegt. Ganz aufgeregt über die Einfachheit und totale Künstlichkeit der Sounds dieser Maschine läuft er kurz vor dem Soundclash zu Jammy, dem Ex-Toningenieur von King Tubby. In der Hand den ersten Riddim haltend, der ohne analoges Instrument entstanden ist: Es fiepst, der Bass scheppert, die Drums klingen anti-organisch. Jammy erledigt den Feinschliff, die Wirkung auf dem Soundclash ist enorm: Die Leute jubeln, "Raggamuffin", abgekürzt "Ragga", ist geboren.

Zumindest in Großbritannien setzt sich dieser Begriff für den maschinell produzierten, zunehmend heftiger dröhnenden neuen Reggae durch. Dort haben Horace Andy & Tappa Zukie bereits 1981 einen Tune namens "Raggamuffin" geschrieben. Der Titel bezieht sich auf ein jamaikanisches Wort für Grabräuber, der später auch auf die Jugend der Kingstoner Ghettos übertragen worden war. Auf Jamaika dagegen fasst die Bezeichnung nie so recht Fuß. Hier wird dieselbe Musik oft einfach als "Dancehall" bezeichnet. Musik für die Dancehalls gibt es zwar seit den Soundsystems, doch da seit Under Me Sleng Teng sowieso der Großteil neuer Produktionen auf Drummachines und Synthesizer setzt, ist diese Gleichsetzung logisch.

Der Siegeszug des maschinenerzeugten Reggae ist ähnlich erklärbar wie der Siegeszug von Acid House in Europa und HipHop in den USA zur gleichen Zeit: Die einfache, erschwingliche Technologie ersetzt eine Band; gleichzeitig gibt es weniger Klangverlust bei der Produktion eines Tracks - der Punch gerade von Bass- und Schlagzeugsounds ist mit der digitalen Technik maximierbar. Etliche neue Stars werden im Laufe der 90er Jahre zu internationalen Namen. Dazu gehören Shabba Ranks, Lady Saw, der Elephant Man, Buju Banton und Beenie Man, zu Beginn der 2000er dann Ward 21 und T.O.K..

Als deren Inhalte - man tauscht sich gegenseitig mit dem US-amerikanischen Rap aus - zunehmend frauen- und schwulenfeindlich werden und sich dazu in Gewaltorgien ergeben, entsteht seit Mitte der 90er Jahre eine Gegenbewegung: die Bobo Ashantis predigen die reine Lehre des Rastafari. Buju Banton und Capleton bekehren sich zur Liebe, während Sizzla und Anthony B sich auch musikalisch den Roots des Reggae zuwenden. In Großbritannien hat Ragga derweil weite Felder der Popmusik umgepflügt: Drum'n' Bass ebenso wie UK Garage wären undenkbar gewesen ohne den jamaikanischen Einfluss, und mittlerweile lebt auch HipHop auf der Insel, zum Beispiel der von Roots Manuva oder den Extra Yard-Possees, von Ragga.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Dennis Brown, Ninjaman, Patra, Cutty Ranks, Yellowman, Cocoa Tea, Admiral Tibet

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Prince Jammy: Computerised Dub [1986]
Buju Banton: Voice Of Jamaica [1993]
Papa San: Pray Fi Dem [1994]
Lady Saw: 99 Ways [1998]
Elephant Man: Comin' 4 You [1999]
Verschiedene: Conscious Ragga 1 [2001]
T.O.K.: My Crew, My Dawgs [2001]
Verschiedene: Ragga Ragga Ragga! 2003 [2003]

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